Page - 1171 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1171 -
Text of the Page - 1171 -
Die Annahme der prägenitalen Organisationen des Sexuallebens ruht auf der Analyse der
Neurosen und ist unabhängig von deren Kenntnis kaum zu würdigen. Wir dürfen erwarten, daß
die fortgesetzte analytische Bemühung uns noch weit mehr Aufschlüsse über Aufbau und
Entwicklung der normalen Sexualfunktion vorbereitet.
Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen, muß man hinzunehmen, daß häufig
oder regelmäßig bereits in den Kinderjahren eine Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie als
charakteristisch für die Entwicklungsphase der Pubertät hingestellt haben, in der Weise, daß
sämtliche Sexualbestrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen, an der sie ihre Ziele
erreichen wollen. Dies ist dann die größte Annäherung an die definitive Gestaltung des
Sexuallebens nach der Pubertät, die in den Kinderjahren möglich ist. Der Unterschied von
letzterer liegt nur noch darin, daß die Zusammenfassung der Partialtriebe und deren
Unterordnung unter das Primat der Genitalien in der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen
durchgesetzt wird. Die Herstellung dieses Primats im Dienste der Fortpflanzung ist also die letzte
Phase, welche die Sexualorganisation durchläuft[60].
Zweizeitige Objektwahl. Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, daß die
Objektwahl zweizeitig, in zwei Schüben erfolgt. Der erste Schub nimmt in den Jahren zwischen
zwei und fünf seinen Anfang und wird durch die Latenzzeit zum Stillstand oder zur Rückbildung
gebracht; er ist durch die infantile Natur seiner Sexualziele ausgezeichnet. Der zweite setzt mit
der Pubertät ein und bestimmt die definitive Gestaltung des Sexuallebens.
Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im wesentlichen auf die Wirkung der
Latenzzeit reduziert, wird aber höchst bedeutungsvoll für die Störung dieses Endzustandes. Die
Ergebnisse der infantilen Objektwahl ragen in die spätere Zeit hinein; sie sind entweder als
solche erhalten geblieben, oder sie erfahren zur Zeit der Pubertät selbst eine Auffrischung.
Infolge der Verdrängungsentwicklung, welche zwischen beiden Phasen liegt, erweisen sie sich
aber als unverwendbar. Ihre Sexualziele haben eine Milderung erfahren, und sie stellen nun das
dar, was wir als die zärtliche Strömung des Sexuallebens bezeichnen können. Erst die
psychoanalytische Untersuchung kann nachweisen, daß sich hinter dieser Zärtlichkeit, Verehrung
und Hochachtung die alten, jetzt unbrauchbar gewordenen Sexualstrebungen der infantilen
Partialtriebe verbergen. Die Objektwahl der Pubertätszeit muß auf die infantilen Objekte
verzichten und als sinnliche Strömung von neuem beginnen. Das Nichtzusammentreffen der
beiden Strömungen hat oft genug die Folge, daß eines der Ideale des Sexuallebens, die
Vereinigung aller Begehrungen in einem Objekt, nicht erreicht werden kann.
[◀]
1171
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin