Page - 1173 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wird. Man darf wenigstens annehmen, daß diese Einflüsse, die in geringen Intensitäten zu
Quellen sexueller Erregung werden, in übergroßem Maße einwirkend eine tiefe Zerrüttung des
sexuellen Mechanismus oder Chemismus hervorrufen.
Muskeltätigkeit. Daß ausgiebige aktive Muskelbetätigung für das Kind ein Bedürfnis ist, aus
dessen Befriedigung es außerordentliche Lust schöpft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas mit der
Sexualität zu tun hat, ob sie selbst sexuelle Befriedigung einschließt oder Anlaß zu sexueller
Erregung werden kann, das mag kritischen Erwägungen unterliegen, die sich ja auch wohl gegen
die im vorigen enthaltene Aufstellung richten werden, daß die Lust durch die Empfindungen
passiver Bewegung sexueller Art ist oder sexuell erregend wirkt. Tatsache ist aber, daß eine
Reihe von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit an ihren Genitalien
während des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen erlebt, in welcher Situation außer der
allgemeinen Muskelanstrengung noch die ausgiebige Hautberührung mit dem Gegner wirksam
wird. Die Neigung zum Muskelstreit mit einer bestimmten Person, wie in späteren Jahren zum
Wortstreit (»Was sich liebt, das neckt sich«), gehört zu den guten Vorzeichen der auf diese
Person gerichteten Objektwahl. In der Beförderung der sexuellen Erregung durch Muskeltätigkeit
wäre eine der Wurzeln des sadistischen Triebes zu erkennen. Für viele Individuen wird die
infantile Verknüpfung zwischen Raufen und sexueller Erregung mitbestimmend für die später
bevorzugte Richtung ihres Geschlechtstriebes[62].
Affektvorgänge. Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexueller Erregung beim
Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige Beobachtung wie durch spätere Erforschung
festzustellen, daß alle intensiveren Affektvorgänge, selbst die schreckhaften Erregungen auf die
Sexualität übergreifen, was übrigens einen Beitrag zum Verständnis der pathogenen Wirkung
solcher Gemütsbewegungen liefern kann. Beim Schulkinde kann die Angst, geprüft zu werden,
die Spannung einer sich schwer lösenden Aufgabe für den Durchbruch sexueller Äußerungen wie
für das Verhältnis zur Schule bedeutsam werden, indem unter solchen Umständen häufig genug
ein Reizgefühl auftritt, welches zur Berührung der Genitalien auffordert, oder ein
pollutionsartiger Vorgang mit all seinen verwirrenden Folgen. Das Benehmen der Kinder in der
Schule, welches den Lehrern Rätsel genug aufgibt, verdient überhaupt in Beziehung zur
keimenden Sexualität derselben gesetzt zu werden. Die sexuell erregende Wirkung mancher an
sich unlustigen Affekte, des Ängstigens, Schauderns, Grausens, erhält sich bei einer großen
Anzahl Menschen auch durchs reife Leben und ist wohl die Erklärung dafür, daß soviel Personen
der Gelegenheit zu solchen Sensationen nachjagen, wenn nur gewisse Nebenumstände (die
Angehörigkeit zu einer Scheinwelt, Lektüre, Theater) den Ernst der Unlustempfindung dämpfen.
Ließe sich annehmen, daß auch intensiven schmerzhaften Empfindungen die gleiche erogene
Wirkung zukommt, zumal wenn der Schmerz durch eine Nebenbedingung abgetönt oder ferner
gehalten wird, so läge in diesem Verhältnis eine der Hauptwurzeln für den
masochistisch-sadistischen Trieb, in dessen vielfältige Zusammengesetztheit wir so allmählich
Einblick gewinnen[63].
Intellektuelle Arbeit. Endlich ist es unverkennbar, daß die Konzentration der Aufmerksamkeit auf
eine intellektuelle Leistung und geistige Anspannung überhaupt bei vielen jugendlichen wie
reiferen Personen eine sexuelle Miterregung zur Folge hat, die wohl als die einzig berechtigte
Grundlage für die sonst so zweifelhafte Ableitung nervöser Störungen von geistiger
»Überarbeitung« zu gelten hat.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin