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Überblicken wir nun nach diesen weder vollständig noch vollzählig mitgeteilten Proben und
Andeutungen die Quellen der kindlichen Sexualerregung, so lassen sich folgende
Allgemeinheiten ahnen oder erkennen: Es scheint auf die ausgiebigste Weise dafür gesorgt, daß
der Prozeß der Sexualerregung – dessen Wesen uns nun freilich recht rätselhaft geworden ist – in
Gang gebracht werde. Es sorgen dafür vor allem in mehr oder minder direkter Weise die
Erregungen der sensiblen Oberflächen – Haut und Sinnesorgane –, am unmittelbarsten die
Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene Zonen zu bezeichnende Stellen. Bei diesen Quellen
der Sexualerregung ist wohl die Qualität der Reize das Maßgebende, wenngleich das Moment der
Intensität (beim Schmerz) nicht völlig gleichgültig ist. Aber überdies sind Veranstaltungen im
Organismus vorhanden, welche zur Folge haben, daß die Sexualerregung als Nebenwirkung bei
einer großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die Intensität dieser Vorgänge nur gewisse
quantitative Grenzen überstiegen hat. Was wir die Partialtriebe der Sexualität genannt haben,
leitet sich entweder direkt aus diesen inneren Quellen der Sexualerregung ab oder setzt sich aus
Beiträgen von solchen Quellen und von erogenen Zonen zusammen. Es ist möglich, daß nichts
Bedeutsameres im Organismus vorfällt, was nicht seine Komponente zur Erregung des
Sexualtriebes abzugeben hätte.
Es scheint mir derzeit nicht möglich, diese allgemeinen Sätze zu größerer Klarheit und Sicherheit
zu bringen, und ich mache dafür zwei Momente verantwortlich, erstens die Neuheit der ganzen
Betrachtungsweise und zweitens den Umstand, daß uns das Wesen der Sexualerregung völlig
unbekannt ist. Doch möchte ich auf zwei Bemerkungen nicht verzichten, welche Ausblicke ins
Weite zu eröffnen versprechen:
Verschiedene Sexual-konstitutionen. a) So wie wir vorhin einmal die Möglichkeit sahen, eine
Mannigfaltigkeit der angeborenen sexuellen Konstitutionen durch die verschiedenartige
Ausbildung der erogenen Zonen zu begründen, so können wir nun das gleiche mit Einbeziehung
der indirekten Quellen der Sexualerregung versuchen. Wir dürfen annehmen, daß diese Quellen
zwar bei allen Individuen Zuflüsse liefern, aber nicht alle bei allen Personen gleich starke, und
daß in der bevorzugten Ausbildung der einzelnen Quellen zur Sexualerregung ein weiterer
Beitrag zur Differenzierung der verschiedenen Sexualkonstitutionen gelegen sein wird[64].
Wege wechselseitiger Beeinflussung. b) Indem wir die so fange festgehaltene figürliche
Ausdrucksweise fallenlassen, in der wir von »Quellen« der Sexualerregung sprachen, können wir
auf die Vermutung gelangen, daß alle die Verbindungswege, die von anderen Funktionen her zur
Sexualität führen, auch in umgekehrter Richtung gangbar sein müssen. Ist wie zum Beispiel der
beiden Funktionen gemeinsame Besitz der Lippenzone der Grund dafür, daß bei der
Nahrungsaufnahme Sexualbefriedigung entsteht, so vermittelt uns dasselbe Moment auch das
Verständnis der Störungen in der Nahrungsaufnahme, wenn die erogenen Funktionen der
gemeinsamen Zone gestört sind. Wissen wir einmal, daß Konzentration der Aufmerksamkeit
Sexualerregung hervorzurufen vermag, so wird uns die Annahme nahegelegt, daß durch
Einwirkung auf demselben Wege, nur in umgekehrter Richtung, der Zustand der Sexualerregung
die Verfügbarkeit über die lenkbare Aufmerksamkeit beeinflußt. Ein gutes Stück der
Symptomatologie der Neurosen, die ich von Störungen der Sexualvorgänge ableite, äußert sich in
Störungen der anderen nicht sexuellen Körperfunktionen, und diese bisher unverständliche
Einwirkung wird minder rätselhaft, wenn sie nur das Gegenstück zu den Beeinflussungen
darstellt, unter denen die Produktion der Sexualerregung steht.
Die nämlichen Wege aber, auf denen Sexualstörungen auf die übrigen Körperfunktionen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin