Page - 1177 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust
Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Ausgang und Endziel klar vor unseren Augen.
Die vermittelnden Übergänge sind uns noch vielfach dunkel; wir werden an ihnen mehr als ein
Rätsel bestehen lassen müssen.
Man hat das Auffälligste an den Pubertätsvorgängen zum Wesentlichen derselben gewählt, das
manifeste Wachstum der äußeren Genitalien, an denen sich die Latenzperiode der Kindheit durch
relative Wachstumshemmung geäußert hatte. Gleichzeitig ist die Entwicklung der inneren
Genitalien so weit vorgeschritten, daß sie Geschlechtsprodukte zu liefern, respektive zur
Gestaltung eines neuen Lebewesens aufzunehmen vermögen. Ein höchst komplizierter Apparat
ist so fertig geworden, der seiner Inanspruchnahme harrt.
Dieser Apparat soll durch Reize in Gang gebracht werden, und nun läßt uns die Beobachtung
erkennen, daß Reize ihn auf dreierlei Wegen angreifen können, von der Außenwelt her durch
Erregung der uns schon bekannten erogenen Zonen, von dem organischen Innern her auf noch zu
erforschenden Wegen und von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Aufbewahrungsstätte
äußerer Eindrücke und eine Aufnahmsstelle innerer Erregungen darstellt. Auf allen drei Wegen
wird das nämliche hervorgerufen, ein Zustand, der als »sexuelle Erregtheit« bezeichnet wird und
sich durch zweierlei Zeichen kundgibt, seelische und somatische. Das seelische Anzeichen
besteht in einem eigentümlichen Spannungsgefühl von höchst drängendem Charakter; unter den
mannigfaltigen körperlichen steht an erster Stelle eine Reihe von Veränderungen an den
Genitalien, die einen unzweifelhaften Sinn haben, den der Bereitschaft, der Vorbereitung zum
Sexualakt. (Die Erektion des männlichen Gliedes, das Feuchtwerden der Scheide.)
Die Sexualspannung. An den Spannungscharakter der sexuellen Erregtheit knüpft ein Problem
an, dessen Lösung ebenso schwierig wie für die Auffassung der Sexualvorgänge bedeutsam wäre.
Trotz aller in der Psychologie darüber herrschenden Meinungsverschiedenheiten muß ich daran
festhalten, daß ein Spannungsgefühl den Unlustcharakter an sich tragen muß. Für mich ist
entscheidend, daß ein solches Gefühl den Drang nach Veränderung der psychischen Situation mit
sich bringt, treibend wirkt, was dem Wesen der empfundenen Lust völlig fremd ist. Rechnet man
aber die Spannung der sexuellen Erregtheit zu den Unlustgefühlen, so stößt man sich an der
Tatsache, daß dieselbe unzweifelhaft lustvoll empfunden wird. Überall ist bei der durch die
Sexualvorgänge erzeugten Spannung Lust dabei; selbst bei den Vorbereitungsveränderungen der
Genitalien ist eine Art von Befriedigungsgefühl deutlich. Wie hängen nun diese Unlustspannung
und dieses Lustgefühl zusammen?
Alles, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammenhängt, rührt an eine der wundesten
Stellen der heutigen Psychologie. Wir wollen versuchen, möglichst aus den Bedingungen des uns
vorliegenden Falles zu lernen, und es vermeiden, dem Problem in seiner Gänze näher zu
treten[66]. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Art, wie die erogenen Zonen sich der neuen
Ordnung einfügen. Ihnen fällt eine wichtige Rolle bei der Einleitung der sexuellen Erregung zu.
Die dem Sexualobjekt vielleicht entlegenste, das Auge, kommt unter den Verhältnissen der
Objektwerbung am häufigsten in die Lage, durch jene besondere Qualität der Erregung, deren
Anlaß wir am Sexualobjekt als Schönheit bezeichnen, gereizt zu werden. Die Vorzüge des
Sexualobjektes werden darum auch »Reize« geheißen. Mit dieser Reizung ist einerseits bereits
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin