Page - 1178 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Lust verbunden, andererseits ist eine Steigerung der sexuellen Erregtheit oder ein Hervorrufen
derselben, wo sie noch fehlt, ihre Folge. Kommt die Erregung einer anderen erogenen Zone, zum
Beispiel der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche, Lustempfindung einerseits, die
sich bald durch die Lust aus den Bereitschaftsveränderungen verstärkt, weitere Steigerung der
Sexualspannung andererseits, die bald in deutlichste Unlust übergeht, wenn ihr nicht gestattet
wird, weitere Lust herbeizuführen. Durchsichtiger ist vielleicht noch ein anderer Fall, wenn zum
Beispiel bei einer sexuell nicht erregten Person eine erogene Zone, etwa die Brusthaut eines
Weibes, durch Berührung gereizt wird. Diese Berührung ruft bereits ein Lustgefühl hervor, ist
aber gleichzeitig wie nichts anderes geeignet, die sexuelle Erregung zu wecken, die nach einem
Mehr von Lust verlangt. Wie es zugeht, daß die empfundene Lust das Bedürfnis nach größerer
Lust hervorruft, das ist eben das Problem.
Vorlust-Mechanismus. Die Rolle aber, die dabei den erogenen Zonen zufällt, ist klar. Was für
eine galt, gilt für alle. Sie werden sämtlich dazu verwendet, durch ihre geeignete Reizung einen
gewissen Betrag von Lust zu liefern, von dem die Steigerung der Spannung ausgeht, welche
ihrerseits die nötige motorische Energie aufzubringen hat, um den Sexualakt zu Ende zu führen.
Das vorletzte Stück desselben ist wiederum die geeignete Reizung einer erogenen Zone, der
Genitalzone selbst an der glans penis, durch das dazu geeignetste Objekt, die Schleimhaut der
Scheide, und unter der Lust, welche diese Erregung gewährt, wird diesmal auf reflektorischem
Wege die motorische Energie gewonnen, welche die Herausbeförderung der Geschlechtsstoffe
besorgt. Diese letzte Lust ist ihrer Intensität nach die höchste, in ihrem Mechanismus von der
früheren verschieden. Sie wird ganz durch Entlastung hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust,
und mit ihr erlischt zeitweilig die Spannung der Libido.
Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem Wesen der Lust durch Erregung
erogener Zonen und der anderen bei Entleerung der Sexualstoffe durch eine Namengebung zu
fixieren. Die erstere kann passend als Vorlust bezeichnet werden im Gegensatz zur Endlust oder
Befriedigungslust der Sexualtätigkeit. Die Vorlust ist dann dasselbe, was bereits der infantile
Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem Maße, ergeben konnte; die Endlust ist neu, also
wahrscheinlich an Bedingungen geknüpft, die erst mit der Pubertät eingetreten sind. Die Formel
für die neue Funktion der erogenen Zonen lautete nun: Sie werden dazu verwendet, um mittels
der von ihnen wie im infantilen Leben zu gewinnenden Vorlust die Herbeiführung der größeren
Befriedigungslust zu ermöglichen.
Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz verschiedenen Gebiet des seelischen
Geschehens erläutern können, in welchem gleichfalls ein größerer Lusteffekt vermöge einer
geringfügigeren Lustempfindung, die dabei wie eine Verlockungsprämie wirkt, erzielt wird. Dort
ergab sich auch die Gelegenheit, auf das Wesen der Lust näher einzugehen[67].
Gefahren der Vorlust. Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Sexualleben wird
durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen kann, bekräftigt. Aus dem Mechanismus, in dem die
Vorlust aufgenommen ist, ergibt sich für die Erreichung des normalen Sexualzieles offenbar eine
Gefahr, die dann eintritt, wenn an irgendeiner Stelle der vorbereitenden Sexualvorgänge die
Vorlust zu groß, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte. Dann entfällt die Triebkraft, um
den Sexualvorgang weiter fortzusetzen, der ganze Weg verkürzt sich, die betreffende
vorbereitende Aktion tritt an Stelle des normalen Sexualziels. Dieser schädliche Fall hat
erfahrungsgemäß zur Bedingung, daß die betreffende erogene Zone oder der entsprechende
Partialtrieb schon im infantilen Leben in ungewöhnlichem Maße zur Lustgewinnung beigetragen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin