Page - 1181 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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männlichen Kastraten zu ergeben, bei denen gelegentlich die Libido der Beeinträchtigung durch
die Operation entgeht, wenngleich das entgegengesetzte Verhalten, das ja die Operation
motiviert, die Regel ist. Überdies weiß man ja längst, daß Krankheiten, welche die Produktion
der männlichen Geschlechtszellen vernichtet haben, die Libido und Potenz des nun sterilen
Individuums ungeschädigt lassen. Es ist dann keineswegs so verwunderlich, wie C. Rieger es
hinstellt, daß der Verlust der männlichen Keimdrüsen im reiferen Alter ohne weiteren Einfluß auf
das seelische Verhalten des Individuums bleiben kann. Die im zarten Alter vor der Pubertät
vorgenommene Kastration nähert sich zwar in ihrer Wirkung dem Ziel einer Aufhebung der
Geschlechtscharaktere, allein auch dabei könnte außer dem Verlust der Geschlechtsdrüsen an
sich eine mit deren Wegfall verknüpfte Entwicklungshemmung anderer Faktoren in Betracht
kommen.
Chemische Theorie. Tierversuche mit Entfernung der Keimdrüsen (Hoden und Ovarien) und
entsprechend variierter Einpflanzung neuer solcher Organe bei Wirbeltieren (s. das zitierte Werk
von Lipschütz, S. 84 f., Anm 14.) haben endlich ein partielles Licht auf die Herkunft der
Sexualerregung geworfen und dabei die Bedeutung einer etwaigen Anhäufung der zelligen
Geschlechtsprodukte noch weiter zurückgedrängt. Es ist dem Experiment möglich geworden
(E. Steinach), ein Männchen in ein Weibchen und umgekehrt ein Weibchen in ein Männchen zu
verwandeln, wobei sich das psychosexuelle Verhalten des Tieres entsprechend den somatischen
Geschlechtscharakteren und gleichzeitig mit ihnen änderte. Dieser geschlechtsbestimmende
Einfluß soll aber nicht dem Anteil der Keimdrüse zukommen, welcher die spezifischen
Geschlechtszellen (Samenfäden und Ei) erzeugt, sondern dem interstitiellen Gewebe derselben,
welches darum von den Autoren als »Pubertätsdrüse« hervorgehoben wird. Es ist sehr wohl
möglich, daß weitere Untersuchungen ergeben, die Pubertätsdrüse sei normalerweise zwittrig
angelegt, wodurch die Lehre von der Bisexualität der höheren Tiere anatomisch begründet würde,
und es ist schon jetzt wahrscheinlich, daß sie nicht das einzige Organ ist, welches mit der
Produktion der Sexualerregung und der Geschlechtscharaktere zu tun hat. Jedenfalls schließt
dieser neue biologische Fund an das an, was wir schon vorher über die Rolle der Schilddrüse für
die Sexualität erfahren haben. Wir dürfen nun glauben, daß im interstitiellen Anteil der
Keimdrüsen besondere chemische Stoffe erzeugt werden, die, vom Blutstrom aufgenommen, die
Ladung bestimmter Anteile des Zentralnervensystems mit sexueller Spannung zustande kommen
lassen, wie wir ja solche Umsetzung eines toxischen Reizes in einen besonderen Organreiz von
anderen dem Körper als fremd eingeführten Giftstoffen kennen. Wie die Sexualerregung durch
Reizung erogener Zonen bei vorheriger Ladung der zentralen Apparate entsteht und welche
Verwicklungen von rein toxischen und physiologischen Reizwirkungen sich bei diesen
Sexualvorgängen ergeben, das auch nur hypothetisch zu behandeln, kann keine zeitgemäße
Aufgabe sein. Es genüge uns als wesentlich an dieser Auffassung der Sexualvorgänge, die
Annahme besonderer, dem Sexualstoffwechsel entstammender Stoffe festzuhalten. Denn diese
anscheinend willkürliche Aufstellung wird durch eine wenig beachtete, aber höchst
beachtenswerte Einsicht unterstützt. Die Neurosen, welche sich nur auf Störungen des
Sexuallebens zurückführen lassen, zeigen die größte klinische Ähnlichkeit mit den Phänomenen
der Intoxikation und Abstinenz, welche sich durch die habituelle Einführung Lust erzeugender
Giftstoffe (Alkaloide) ergeben.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin