Page - 1182 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1182 -
Text of the Page - 1182 -
[3]
Die Libidotheorie
Mit diesen Vermutungen über die chemische Grundlage der Sexualerregung stehen in guter
Übereinstimmung die Hilfsvorstellungen, die wir uns zur Bewältigung der psychischen
Äußerungen des Sexuallebens geschaffen haben. Wir haben uns den Begriff der Libido festgelegt
als einer quantitativ veränderlichen Kraft, welche Vorgänge und Umsetzungen auf dem Gebiete
der Sexualerregung messen könnte. Diese Libido sondern wir von der Energie, die den seelischen
Prozessen allgemein unterzulegen ist, mit Beziehung auf ihren besonderen Ursprung und
verleihen ihr so auch einen qualitativen Charakter. In der Sonderung von libidinöser und anderer
psychischer Energie drücken wir die Voraussetzung aus, daß sich die Sexualvorgänge des
Organismus durch einen besonderen Chemismus von den Ernährungsvorgängen unterscheiden.
Die Analyse der Perversionen und Psychoneurosen hat uns zur Einsicht gebracht, daß diese
Sexualerregung nicht von den sogenannten Geschlechtsteilen allein, sondern von allen
Körperorganen geliefert wird. Wir bilden uns also die Vorstellung eines Libidoquantums, dessen
psychische Vertretung wir die Ichlibido heißen, dessen Produktion, Vergrößerung oder
Verminderung, Verteilung und Verschiebung uns die Erklärungsmöglichkeiten für die
beobachteten psychosexuellen Phänomene bieten soll.
Dem analytischen Studium bequem zugänglich wird diese Ichlibido aber nur, wenn sie die
psychische Verwendung zur Besetzung von Sexualobjekten gefunden hat, also zur Objektlibido
geworden ist. Wir sehen sie dann sich auf Objekte konzentrieren, an ihnen fixieren oder aber
diese Objekte verlassen, von ihnen auf andere übergehen und von diesen Positionen aus die
Sexualbetätigung des Individuums lenken, die zur Befriedigung, das heißt zum partiellen und
zeitweisen Erlöschen der Libido führt. Die Psychoanalyse der sogenannten
Übertragungsneurosen (Hysterie und Zwangsneurose) gestattet uns hier einen sicheren Einblick.
Von den Schicksalen der Objektlibido können wir noch erkennen, daß sie von den Objekten
abgezogen, in besonderen Spannungszuständen schwebend erhalten und endlich ins Ich
zurückgeholt wird, so daß sie wieder zur Ichlibido geworden ist. Die Ichlibido heißen wir im
Gegensatz zur Objektlibido auch narzißtische Libido. Von der Psychoanalyse aus schauen wir
wie über eine Grenze, deren Überschreitung uns nicht gestattet ist, in das Getriebe der
narzißtischen Libido hinein und bilden uns eine Vorstellung von dem Verhältnis der beiden[69].
Die narzißtische oder Ichlibido erscheint uns als das große Reservoir, aus welchem die
Objektbesetzungen ausgeschickt und in welches sie wieder einbezogen werden, die narzißtische
Libidobesetzung des Ichs als der in der ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch die
späteren Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter denselben erhalten
geblieben ist.
Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und psychotischen Störungen müßte sein, alle
beobachteten Phänomene und erschlossenen Vorgänge in den Terminis der Libidoökonomie
auszudrücken. Es ist leicht zu erraten, daß den Schicksalen der Ichlibido dabei die größere
Bedeutung zufallen wird, besonders wo es sich um die Erklärung der tieferen psychotischen
Störungen handelt. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß das Mittel unserer Untersuchung, die
Psychoanalyse, uns vorläufig nur über die Wandlungen an der Objektlibido sichere Auskunft
bringt[70], die Ichlibido aber von den anderen im Ich wirkenden Energien nicht ohneweiters zu
scheiden vermag[71]. Eine Fortführung der Libidotheorie ist deshalb vorläufig nur auf dem Wege
1182
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin