Page - 1186 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Die Objektfindung
Während durch die Pubertätsvorgänge das Primat der Genitalzonen festgelegt wird und das
Vordrängen des erigiert gewordenen Gliedes beim Manne gebieterisch auf das neue Sexualziel
hinweist, auf das Eindringen in eine die Genitalzone erregende Körperhöhle, vollzieht sich von
psychischer Seite her die Objektfindung, für welche von der frühesten Kindheit an vorgearbeitet
worden ist. Als die anfänglichste Sexualbefriedigung noch mit der Nahrungsaufnahme verbunden
war, hatte der Sexualtrieb ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der Mutterbrust. Er
verlor es nur später, vielleicht gerade zur Zeit, als es dem Kinde möglich wurde, die
Gesamtvorstellung der Person, welcher das ihm Befriedigung spendende Organ angehörte, zu
bilden. Der Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch, und erst nach Überwindung der
Latenzzeit stellt sich das ursprüngliche Verhältnis wieder her. Nicht ohne guten Grund ist das
Saugen des Kindes an der Brust der Mutter vorbildlich für jede Liebesbeziehung geworden. Die
Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung[73].
Sexualobjekte der Säuglingszeit. Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen
Beziehungen bleibt auch nach der Abtrennung der Sexualtätigkeit von der Nahrungsaufnahme ein
wichtiges Stück übrig, welches die Objektwahl vorbereiten, das verlorene Glück also
wiederherstellen hilft. Die ganze Latenzzeit über lernt das Kind andere Personen, die seiner
Hilflosigkeit abhelfen und seine Bedürfnisse befriedigen, lieben, durchaus nach dem Muster und
in Fortsetzung seines Säuglingsverhältnisses zur Amme. Man wird sich vielleicht sträuben
wollen, die zärtlichen Gefühle und die Wertschätzung des Kindes für seine Pflegepersonen mit
der geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine genauere psychologische
Untersuchung wird diese Identität über jeden Zweifel hinaus feststellen können. Der Verkehr des
Kindes mit seiner Pflegeperson ist für dasselbe eine unaufhörlich fließende Quelle sexueller
Erregung und Befriedigung von erogenen Zonen aus, zumal da letztere – in der Regel doch die
Mutter – das Kind selbst mit Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben stammen, es streichelt,
küßt und wiegt und ganz deutlich zum Ersatz für ein vollgültiges Sexualobjekt nimmt[74]. Die
Mutter würde wahrscheinlich erschrecken, wenn man ihr die Aufklärung gäbe, daß sie mit all
ihren Zärtlichkeiten den Sexualtrieb ihres Kindes weckt und dessen spätere Intensität vorbereitet.
Sie hält ihr Tun für asexuelle »reine« Liebe, da sie es doch sorgsam vermeidet, den Genitalien
des Kindes mehr Erregungen zuzuführen, als bei der Körperpflege unumgänglich ist. Aber der
Geschlechtstrieb wird nicht nur durch Erregung der Genitalzone geweckt, wie wir ja wissen; was
wir Zärtlichkeit heißen, wird unfehlbar eines Tages seine Wirkung auch auf die Genitalzonen
äußern. Verstünde die Mutter mehr von der hohen Bedeutung der Triebe für das gesamte
Seelenleben, für alle ethischen und psychischen Leistungen, so würde sie sich übrigens auch nach
der Aufklärung alle Selbstvorwürfe ersparen. Sie erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn sie das Kind
lieben lehrt; es soll ja ein tüchtiger Mensch mit energischem Sexualbedürfnis werden und in
seinem Leben all das vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drängt. Ein Zuviel von
elterlicher Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem es die sexuelle Reifung
beschleunigt, auch dadurch, daß es das Kind »verwöhnt«, es unfähig macht, im späteren Leben
auf Liebe zeitweilig zu verzichten oder sich mit einem geringeren Maß davon zu begnügen. Es ist
eines der besten Vorzeichen späterer Nervosität, wenn das Kind sich unersättlich in seinem
Verlangen nach Zärtlichkeit der Eltern erweist, und anderseits werden gerade neuropathische
Eltern, die ja meist zur maßlosen Zärtlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen die Disposition
des Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken. Man ersieht übrigens aus diesem
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin