Page - 1189 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1189 -
Text of the Page - 1189 -
schwärmerischen Freundschaften von Jünglingen und Mädchen für ihresgleichen verrät. Die
größte Macht, welche eine dauernde Inversion des Sexualobjektes abwehrt, ist gewiß die
Anziehung, welche die entgegengesetzten Geschlechtscharaktere füreinander äußern; zur
Erklärung derselben kann im Zusammenhange dieser Erörterungen nichts gegeben werden[82].
Aber dieser Faktor reicht für sich allein nicht hin, die Inversion auszuschließen; es kommen wohl
allerlei unterstützende Momente hinzu. Vor allem die Autoritätshemmung der Gesellschaft; wo
die Inversion nicht als Verbrechen betrachtet wird, da kann man die Erfahrung machen, daß sie
den sexuellen Neigungen nicht weniger Individuen voll entspricht. Ferner darf man für den Mann
annehmen, daß die Kindererinnerung an die Zärtlichkeit der Mutter und anderer weiblicher
Personen, denen er als Kind überantwortet war, energisch mithilft, seine Wahl auf das Weib zu
lenken, während die von seiten des Vaters erfahrene frühzeitige Sexualeinschüchterung und die
Konkurrenzeinstellung zu ihm vom gleichen Geschlechte ablenkt. Beide Momente gelten aber
auch für das Mädchen, dessen Sexualbetätigung unter der besonderen Obhut der Mutter steht. Es
ergibt sich so eine feindliche Beziehung zum eigenen Geschlecht, welche die Objektwahl
entscheidend in dem für normal geltenden Sinn beeinflußt. Die Erziehung der Knaben durch
männliche Personen (Sklaven in der antiken Welt) scheint die Homosexualität zu begünstigen;
beim heutigen Adel wird die Häufigkeit der Inversion wohl durch die Verwendung männlicher
Dienerschaft wie durch die geringere persönliche Fürsorge der Mütter für ihre Kinder um etwas
verständlicher. Bei manchen Hysterischen ergibt sich, daß der frühzeitige Wegfall einer Person
des Elternpaares (durch Tod, Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann die übrigbleibende die
ganze Liebe des Kindes an sich gezogen hatte, die Bedingung für das Geschlecht der später zum
Sexualobjekt gewählten Person festgestellt und damit auch die dauernde Inversion ermöglicht
hat.
[◀]
1189
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin