Page - 1190 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Zusammenfassung
Es ist an der Zeit, eine Zusammenfassung zu versuchen. Wir sind von den Abirrungen des
Geschlechtstriebes in bezug auf sein Objekt und sein Ziel ausgegangen, haben die Fragestellung
vorgefunden, ob diese aus angeborener Anlage entspringen oder infolge der Einflüsse des Lebens
erworben werden. Die Beantwortung dieser Frage ergab sich uns aus der Einsicht in die
Verhältnisse des Geschlechtstriebes bei den Psychoneurotikern, einer zahlreichen und den
Gesunden nicht fernestehenden Menschengruppe, welche Einsicht wir durch psychoanalytische
Untersuchung gewonnen hatten. Wir fanden so, daß bei diesen Personen die Neigungen zu allen
Perversionen als unbewußte Mächte nachweisbar sind und sich als Symptombildner verraten, und
konnten sagen, die Neurose sei gleichsam ein Negativ der Perversion. Angesichts der nun
erkannten großen Verbreitung der Perversionsneigungen drängte sich uns der Gesichtspunkt auf,
daß die Anlage zu den Perversionen die ursprüngliche allgemeine Anlage des menschlichen
Geschlechtstriebes sei, aus welcher das normale Sexualverhalten infolge organischer
Veränderungen und psychischer Hemmungen im Laufe der Reifung entwickelt werde. Die
ursprüngliche Anlage hofften wir im Kindesalter aufzeigen zu können; unter den die Richtung
des Sexualtriebes einschränkenden Mächten hoben wir Scham, Ekel, Mitleid und die sozialen
Konstruktionen der Moral und Autorität hervor. So mußten wir in jeder fixierten Abirrung vom
normalen Geschlechtsleben ein Stück Entwicklungshemmung und Infantilismus erblicken. Die
Bedeutung der Variationen der ursprünglichen Anlage mußten wir in den Vordergrund stellen,
zwischen ihnen und den Einflüssen des Lebens aber ein Verhältnis von Kooperation und nicht
von Gegensätzlichkeit annehmen. Anderseits erschien uns, da die ursprüngliche Anlage eine
komplexe sein mußte, der Geschlechtstrieb selbst als etwas aus vielen Faktoren
Zusammengesetztes, das in den Perversionen gleichsam in seine Komponenten zerfällt. Somit
erwiesen sich die Perversionen einerseits als Hemmungen, andererseits als Dissoziationen der
normalen Entwicklung. Beide Auffassungen vereinigten sich in der Annahme, daß der
Geschlechtstrieb des Erwachsenen durch die Zusammenfassung vielfacher Regungen des
Kinderlebens zu einer Einheit, einer Strebung mit einem einzigen Ziel entstehe.
Wir fügten noch die Aufklärung für das Überwiegen der perversen Neigungen bei den
Psychoneurotikern bei, indem wir dieses als kollaterale Füllung von Nebenbahnen bei Verlegung
des Hauptstrombettes durch die »Verdrängung« erkannten, und wandten uns dann der
Betrachtung des Sexuallebens im Kindesalter zu[83]. Wir fanden es bedauerlich, daß man dem
Kindesalter den Sexualtrieb abgesprochen und die nicht selten zu beobachtenden
Sexualäußerungen des Kindes als regelwidrige Vorkommnisse beschrieben hat. Es schien uns
vielmehr, daß das Kind Keime von Sexualtätigkeit mit zur Welt bringt und schon bei der
Nahrungsaufnahme sexuelle Befriedigung mitgenießt, die es sich dann in der gut gekannten
Tätigkeit des »Ludelns« immer wieder zu verschaffen sucht. Die Sexualbetätigung des Kindes
entwickle sich aber nicht im gleichen Schritt wie seine sonstigen Funktionen, sondern trete nach
einer kurzen Blüteperiode vom zweiten bis zum fünften Jahre in die sogenannte Latenzperiode
ein. In derselben würde die Produktion sexueller Erregung keineswegs eingestellt, sondern halte
an und liefere einen Vorrat von Energie, der großenteils zu anderen als sexuellen Zwecken
verwendet werde, nämlich einerseits zur Abgabe der sexuellen Komponenten für soziale Gefühle,
anderseits (vermittels Verdrängung und Reaktionsbildung) zum Aufbau der späteren
Sexualschranken. Demnach würden die Mächte, die dazu bestimmt sind, den Sexualtrieb in
gewissen Bahnen zu erhalten, im Kindesalter auf Kosten der großenteils perversen
Sexualregungen und unter Mithilfe der Erziehung aufgebaut. Ein anderer Teil der infantilen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin