Page - 1193 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bemerke ausdrücklich, daß die später neurotischen Kinder keine körperlichen Zeichen von
hereditärer Lues an sich trugen, so daß eben die abnorme sexuelle Konstitution als der letzte
Ausläufer der luetischen Erbschaft zu betrachten war. So fern es mir nun liegt, die Abkunft von
syphilitischen Eltern als regelmäßige oder unentbehrliche ätiologische Bedingung der
neuropathischen Konstitution hinzustellen, so halte ich doch das von mir beobachtete
Zusammentreffen für nicht zufällig und nicht bedeutungslos.
Die hereditären Verhältnisse der positiv Perversen sind minder gut bekannt, weil dieselben sich
der Erkundung zu entziehen wissen. Doch hat man Grund anzunehmen, daß bei den Perversionen
ähnliches wie bei den Neurosen gilt. Nicht selten findet man nämlich Perversion und
Psychoneurose in denselben Familien auf die verschiedenen Geschlechter so verteilt, daß die
männlichen Mitglieder oder eines derselben positiv pervers, die weiblichen aber der
Verdrängungsneigung ihres Geschlechts entsprechend negativ pervers, hysterisch sind, ein guter
Beleg für die von uns gefundenen Wesensbeziehungen zwischen den beiden Störungen.
Weitere Verarbeitung. Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit dem Ansatz der
verschiedenen Komponenten in der sexuellen Konstitution die Entscheidung über die Gestaltung
des Sexuallebens eindeutig bestimmt wäre. Die Bedingtheit setzt sich vielmehr fort, und weitere
Möglichkeiten ergeben sich je nach dem Schicksal, welches die aus den einzelnen Quellen
stammenden Sexualitätszuflüsse erfahren. Diese weitere Verarbeitung ist offenbar das endgültig
Entscheidende, während die der Beschreibung nach gleiche Konstitution zu drei verschiedenen
Endausgängen führen kann. [1] Wenn sich alle die Anlagen in ihrem als abnorm angenommenen
relativen Verhältnis erhalten und mit der Reifung verstärken, so kann nur ein perverses
Sexualleben das Endergebnis sein. Die Analyse solcher abnormer konstitutioneller Anlagen ist
noch nicht ordentlich in Angriff genommen worden, doch kennen wir bereits Fälle, die in solchen
Annahmen mit Leichtigkeit ihre Erklärung finden. Die Autoren meinen zum Beispiel von einer
ganzen Reihe von Fixationsperversionen, dieselben hätten eine angeborene Schwäche des
Sexualtriebes zur notwendigen Voraussetzung. In dieser Form scheint mir die Aufstellung
unhaltbar; sie wird aber sinnreich, wenn eine konstitutionelle Schwäche des einen Faktors des
Sexualtriebes, der genitalen Zone, gemeint ist, welche Zone späterhin die Zusammenfassung der
einzelnen Sexualbetätigungen zum Ziel der Fortpflanzung als Funktion übernimmt. Diese in der
Pubertät geforderte Zusammenfassung muß dann mißlingen, und die stärkste der anderen
Sexualitätskomponenten wird ihre Betätigung als Perversion durchsetzen[84].
Verdrängung. [2] Ein anderer Ausgang ergibt sich, wenn im Laufe der Entwicklung einzelne der
überstark angelegten Komponenten den Prozeß der Verdrängung erfahren, von dem man
festhalten muß, daß er einer Aufhebung nicht gleichkommt. Die betreffenden Erregungen werden
dabei wie sonst erzeugt, aber durch psychische Verhinderung von der Erreichung ihres Zieles
abgehalten und auf mannigfache andere Wege gedrängt, bis sie sich als Symptome zum
Ausdruck gebracht haben. Das Ergebnis kann ein annähernd normales Sexualleben sein – meist
ein eingeschränktes –, aber ergänzt durch psychoneurotische Krankheit. Gerade diese Fälle sind
uns durch die psychoanalytische Erforschung Neurotischer gut bekannt geworden. Das
Sexualleben solcher Personen hat wie das der Perversen begonnen, ein ganzes Stück ihrer
Kindheit ist mit perverser Sexualtätigkeit ausgefüllt, die sich gelegentlich weit über die Reifezeit
erstreckt; dann erfolgt aus inneren Ursachen – meist noch vor der Pubertät, aber hie und da sogar
spät nachher – ein Verdrängungsumschlag, und von nun an tritt, ohne daß die alten Regungen
erlöschen, Neurose an die Stelle der Perversion. Man wird an das Sprichwort »Junge Hure, alte
Betschwester« erinnert, nur daß die Jugend hier allzu kurz ausgefallen ist. Diese Ablösung der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin