Page - 1198 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ich bin der Meinung, daß man meine Theorie über die ätiologische Bedeutung des sexuellen
Momentes für die Neurosen am besten würdigt, wenn man ihrer Entwicklung nachgeht. Ich habe
nämlich keineswegs das Bestreben abzuleugnen, daß sie eine Entwicklung durchgemacht und
sich während derselben verändert hat. Die Fachgenossen könnten in diesem Zugeständnis die
Gewähr finden, daß diese Theorie nichts anderes ist als der Niederschlag fortgesetzter und
vertiefter Erfahrungen. Was im Gegensatze hierzu der Spekulation entsprungen ist, das kann
allerdings leicht mit einem Schlage vollständig und dann unveränderlich auftreten.
Die Theorie bezog sich ursprünglich bloß auf die als »Neurasthenie« zusammengefaßten
Krankheitsbilder, unter denen mir zwei gelegentlich auch rein auftretende Typen auffielen, die
ich als » eigentliche Neurasthenie« und als » Angstneurose« beschrieben habe. Es war ja immer
bekannt, daß sexuelle Momente in der Verursachung dieser Formen eine Rolle spielen können,
aber man fand dieselben weder regelmäßig wirksam, noch dachte man daran, ihnen einen
Vorrang vor anderen ätiologischen Einflüssen einzuräumen. Ich wurde zunächst von der
Häufigkeit grober Störungen in der vita sexualis der Nervösen überrascht; je mehr ich darauf
ausging, solche Störungen zu suchen, wobei ich mir vorhielt, daß die Menschen alle in sexuellen
Dingen die Wahrheit verhehlen, und je geschickter ich wurde, das Examen trotz einer
anfänglichen Verneinung fortzusetzen, desto regelmäßiger ließen sich solche krank machende
Momente aus dem Sexualleben auffinden, bis mir zu deren Allgemeinheit wenig zu fehlen
schien. Man mußte aber von vornherein auf ein ähnlich häufiges Vorkommen sexueller
Unregelmäßigkeiten unter dem Drucke der sozialen Verhältnisse in unserer Gesellschaft gefaßt
sein und konnte im Zweifel bleiben, welches Maß von Abweichung von der normalen
Sexualfunktion als Krankheitsursache betrachtet werden dürfe. Ich konnte daher auf den
regelmäßigen Nachweis sexueller Noxen nur weniger Wert legen als auf eine zweite Erfahrung,
die mir eindeutiger erschien. Es ergab sich, daß die Form der Erkrankung, ob Neurasthenie oder
Angstneurose, eine konstante Beziehung zur Art der sexuellen Schädlichkeit zeige. In den
typischen Fällen der Neurasthenie war regelmäßig Masturbation oder gehäufte Pollutionen, bei
der Angstneurose waren Faktoren wie der coitus interruptus, die »frustrane Erregung« und
andere nachweisbar, an denen das Moment der ungenügenden Abfuhr der erzeugten Libido das
Gemeinsame schien. Erst seit dieser leicht zu machenden und beliebig oft zu bestätigenden
Erfahrung hatte ich den Mut, für die sexuellen Einflüsse eine bevorzugte Stellung in der
Ätiologie der Neurosen zu beanspruchen. Es kam hinzu, daß bei den so häufigen Mischformen
von Neurasthenie und Angstneurose auch die Vermengung der für die beiden Formen
angenommenen Ätiologien aufzuzeigen war und daß eine solche Zweiteilung in der
Erscheinungsform der Neurose zu dem polaren Charakter der Sexualität (männlich und weiblich)
gut zu stimmen schien.
Zur gleichen Zeit, während ich der Sexualität diese Bedeutung für die Entstehung der einfachen
Neurosen zuwies[88], huldigte ich noch in betreff der Psychoneurosen (Hysterie und
Zwangsvorstellungen) einer rein psychologischen Theorie, in welcher das sexuelle Moment nicht
anders als andere emotionelle Quellen in Betracht kam. Ich hatte im Verein mit J. Breuer und im
Anschluß an Beobachtungen, die er gut ein Dezennium vorher an einer hysterischen Kranken
gemacht hatte, den Mechanismus der Entstehung hysterischer Symptome mittels des Erweckens
von Erinnerungen im hypnotischen Zustande studiert, und wir waren zu Aufschlüssen gelangt,
welche gestatteten, die Brücke von der traumatischen Hysterie Charcots zur gemeinen, nicht
traumatischen, zu schlagen[89]. Wir waren zur Auffassung gelangt, daß die hysterischen
Symptome Dauerwirkungen von psychischen Traumen sind, deren zugehörige Affektgröße durch
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin