Page - 1199 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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besondere Bedingungen von bewußter Bearbeitung abgedrängt worden ist und sich darum einen
abnormen Weg in die Körperinnervation gebahnt hat. Die Termini » eingeklemmter Affekt«, »
Konversion« und » Abreagieren« fassen das Kennzeichnende dieser Anschauung zusammen.
Bei den nahen Beziehungen der Psychoneurosen zu den einfachen Neurosen, die ja so weit
gehen, daß dem Ungeübten die diagnostische Unterscheidung nicht immer leichtfällt, konnte es
aber nicht ausbleiben, daß die für das eine Gebiet gewonnene Erkenntnis auch für das andere
Platz griff. Überdies führte, von solcher Beeinflussung abgesehen, auch die Vertiefung in den
psychischen Mechanismus der hysterischen Symptome zu dem gleichen Ergebnis. Wenn man
nämlich bei dem von Breuer und mir eingesetzten »kathartischen« Verfahren den psychischen
Traumen, von denen sich die hysterischen Symptome ableiteten, immer weiter nachspürte,
gelangte man endlich zu Erlebnissen, welche der Kindheit des Kranken angehörten und sein
Sexualleben betrafen, und zwar auch in solchen Fällen, in denen eine banale Emotion nicht
sexueller Natur den Ausbruch der Krankheit veranlaßt hatte. Ohne diese sexuellen Traumen der
Kinderzeit in Betracht zu ziehen, konnte man weder die Symptome aufklären, deren
Determinierung verständlich finden, noch deren Wiederkehr verhüten. Somit schien die
unvergleichliche Bedeutung sexueller Erlebnisse für die Ätiologie der Psychoneurosen als
unzweifelhaft festgestellt, und diese Tatsache ist auch bis heute einer der Grundpfeiler der
Theorie geblieben.
Wenn man diese Theorie so darstellt, die Ursache der lebenslangen hysterischen Neurose liege in
den meist an sich geringfügigen sexuellen Erlebnissen der frühen Kinderzeit, so mag sie
allerdings befremdend genug klingen. Nimmt man aber auf die historische Entwicklung der
Lehre Rücksicht, verlegt den Hauptinhalt derselben in den Satz, die Hysterie sei der Ausdruck
eines besonderen Verhaltens der Sexualfunktion des Individuums und dieses Verhalten werde
bereits durch die ersten in der Kindheit einwirkenden Einflüsse und Erlebnisse maßgebend
bestimmt, so sind wir zwar um ein Paradoxon ärmer, aber um ein Motiv bereichert worden, den
bisher arg vernachlässigten, höchst bedeutsamen Nachwirkungen der Kindheitseindrücke
überhaupt unsere Aufmerksamkeit zu schenken.
Indem ich mir vorbehalte, die Frage, ob man in den sexuellen Kindererlebnissen die Ätiologie der
Hysterie (und Zwangsneurose) sehen dürfe, weiter unten gründlicher zu behandeln, kehre ich zu
der Gestaltung der Theorie zurück, welche diese in einigen kleinen, vorläufigen Publikationen
der Jahre 1895 und 1896 angenommen hat[90]. Die Hervorhebung der angenommenen
ätiologischen Momente gestattete damals, die gemeinen Neurosen als Erkrankungen mit aktueller
Ätiologie den Psychoneurosen gegenüberzustellen, deren Ätiologie vor allem in den sexuellen
Erlebnissen der Vorzeit zu suchen war. Die Lehre gipfelte in dem Satze: Bei normaler vita
sexualis ist eine Neurose unmöglich.
Wenn ich auch diese Sätze noch heute nicht für unrichtig halte, so ist es doch nicht zu
verwundern, daß ich in zehn Jahren fortgesetzter Bemühung um die Erkenntnis dieser
Verhältnisse über meinen damaligen Standpunkt ein gutes Stück weit hinausgekommen bin und
mich heute in der Lage glaube, die Unvollständigkeit, die Verschiebungen und die
Mißverständnisse, an denen die Lehre damals litt, durch eingehendere Erfahrung zu korrigieren.
Ein Zufall des damals noch spärlichen Materials hatte mir eine unverhältnismäßig große Anzahl
von Fällen zugeführt, in deren Kindergeschichte die sexuelle Verführung durch Erwachsene oder
andere ältere Kinder die Hauptrolle spielte. Ich überschätzte die Häufigkeit dieser (sonst nicht
anzuzweifelnden) Vorkommnisse, da ich überdies zu jener Zeit nicht imstande war, die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin