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Verhältnissen entfaltete aber das Vertriebene als ein nun Unbewußtes seine Wirksamkeit und
kehrte mittels der Symptome und der an ihnen haftenden Affekte ins Bewußtsein zurück, so daß
die Erkrankung einem Mißglücken der Abwehr entsprach. Diese Auffassung hatte das Verdienst,
auf das Spiel der psychischen Kräfte einzugehen und somit die seelischen Vorgänge der Hysterie
den normalen anzunähern, anstatt die Charakteristik der Neurose in eine rätselhafte und weiter
nicht analysierbare Störung zu verlegen.
Als nun weitere Erkundigungen bei normal gebliebenen Personen das unerwartete Ergebnis
lieferten, daß deren sexuelle Kindergeschichte sich nicht wesentlich von dem Kinderleben der
Neurotiker zu unterscheiden brauche, daß speziell die Rolle der Verführung bei ersteren die
gleiche sei, traten die akzidentellen Einflüsse noch mehr gegen den der » Verdrängung« (wie ich
anstatt »Abwehr« zu sagen begann) zurück. Es kam also nicht darauf an, was ein Individuum in
seiner Kindheit an sexuellen Erregungen erfahren hatte, sondern vor allem auf seine Reaktion
gegen diese Erlebnisse, ob es diese Eindrücke mit der »Verdrängung« beantwortet habe oder
nicht. Bei spontaner infantiler Sexualbetätigung ließ sich zeigen, daß dieselbe häufig im Laufe
der Entwicklung durch einen Akt der Verdrängung abgebrochen wurde. Das geschlechtsreife
neurotische Individuum brachte so ein Stück »Sexualverdrängung« regelmäßig aus seiner
Kindheit mit, das bei den Anforderungen des realen Lebens zur Äußerung kam, und die
Psychoanalysen Hysterischer zeigten, daß ihre Erkrankung ein Erfolg des Konflikts zwischen der
Libido und der Sexualverdrängung sei und daß ihre Symptome den Wert von Kompromissen
zwischen beiden seelischen Strömungen haben.
Ohne eine ausführliche Erörterung meiner Vorstellungen von der Verdrängung könnte ich diesen
Teil der Theorie nicht weiter aufklären. Es genüge, hier auf meine Drei Abhandlungen zur
Sexualtheorie (1905 d) hinzuweisen, wo ich auf die somatischen Vorgänge, in denen das Wesen
der Sexualität zu suchen ist, ein allerdings erst spärliches Licht zu werfen versucht habe. Ich habe
dort ausgeführt, daß die konstitutionelle sexuelle Anlage des Kindes eine ungleich buntere ist, als
man erwarten konnte, daß sie »polymorph pervers« genannt zu werden verdient und daß aus
dieser Anlage durch Verdrängung gewisser Komponenten das sogenannte normale Verhalten der
Sexualfunktion hervorgeht. Ich konnte durch den Hinweis auf die infantilen Charaktere der
Sexualität eine einfache Verknüpfung zwischen Gesundheit, Perversion und Neurose herstellen.
Die Norm ergab sich aus der Verdrängung gewisser Partialtriebe und Komponenten der infantilen
Anlagen und der Unterordnung der übrigen unter das Primat der Genitalzonen im Dienste der
Fortpflanzungsfunktion; die Perversionen entsprachen Störungen dieser Zusammenfassung durch
die übermächtige zwangsartige Entwicklung einzelner dieser Partialtriebe, und die Neurose führte
sich auf eine zu weitgehende Verdrängung der libidinösen Strebungen zurück. Da fast alle
perversen Triebe der infantilen Anlage als symptombildende Kräfte bei der Neurose nachweisbar
sind, sich aber bei ihr im Zustande der Verdrängung befinden, konnte ich die Neurose als das
»Negativ« der Perversion bezeichnen.
Ich halte es der Hervorhebung wert, daß meine Anschauungen über die Ätiologie der
Psychoneurosen bei allen Wandlungen doch zwei Gesichtspunkte nie verleugnet oder verlassen
haben, die Schätzung der Sexualität und des Infantilismus. Sonst sind an die Stelle akzidenteller
Einflüsse konstitutionelle Momente, für die rein psychologisch gemeinte »Abwehr« ist die
organische »Sexualverdrängung« eingetreten. Sollte nun jemand fragen, wo ein zwingender
Beweis für die behauptete ätiologische Bedeutung sexueller Faktoren bei den Psychoneurosen zu
finden sei, da man doch diese Erkrankungen auf die banalsten Gemütsbewegungen und selbst auf
somatische Anlässe hin ausbrechen sieht, auf eine spezifische Ätiologie in Gestalt besonderer
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin