Page - 1206 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bereits, und die Eltern meinen noch, daß es nicht weiß, was Sünde ist.«
Ich weiß nicht, was man hierüber Besseres sagen könnte, aber vielleicht läßt sich einiges
hinzufügen. Es ist gewiß nichts anderes als die gewohnte Prüderie und das eigene schlechte
Gewissen in Sachen der Sexualität, was die Erwachsenen zur »Geheimtuerei« vor den Kindern
veranlaßt; aber möglicherweise wirkt da auch ein Stück theoretischer Unwissenheit mit, dem man
durch die Aufklärung der Erwachsenen entgegentreten kann. Man meint nämlich, daß den
Kindern der Geschlechtstrieb fehle und sich erst zur Pubertätszeit mit der Reife der
Geschlechtsorgane bei ihnen einstelle. Das ist ein grober, für die Kenntnis wie für die Praxis
folgenschwerer Irrtum. Es ist so leicht, ihn durch die Beobachtung zu korrigieren, daß man sich
verwundern muß, wie er überhaupt entstehen konnte. In Wahrheit bringt das Neugeborene
Sexualität mit auf die Welt, gewisse Sexualempfindungen begleiten seine Entwicklung durch die
Säuglings- und Kinderzeiten, und die wenigsten Kinder dürften sexuellen Betätigungen und
Empfindungen vor ihrer Pubertät entgehen. Wer die ausführliche Darlegung dieser Behauptungen
kennenlernen will, möge sie in meinen erwähnten Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
aufsuchen. Er wird dort erfahren, daß die eigentlichen Reproduktionsorgane nicht die einzigen
Körperteile sind, welche sexuelle Lustempfindungen vermitteln, und daß die Natur es recht
zwingend so eingerichtet hat, daß selbst Reizungen der Genitalien während der Kinderzeit
unvermeidlich sind. Man bezeichnet diese Lebenszeit, in welcher durch die Erregung
verschiedener Hautstellen (erogener Zonen), durch die Betätigung gewisser biologischer Triebe
und als Miterregung bei vielen affektiven Zuständen ein gewisser Betrag von sicher sexueller
Lust erzeugt wird, mit einem von Havelock Ellis eingeführten Ausdrucke als die Periode des
Autoerotismus. Die Pubertät leistet nichts anderes, als daß sie unter allen lusterzeugenden Zonen
und Quellen den Genitalien das Primat verschafft und dadurch die Erotik in den Dienst der
Fortpflanzungsfunktion zwingt, ein Prozeß, der natürlich gewissen Hemmungen unterliegen kann
und sich bei vielen Personen, den späteren Perversen und Neurotikern, nur in unvollkommener
Weise vollzieht. Anderseits ist das Kind der meisten psychischen Leistungen des Liebeslebens
(der Zärtlichkeit, der Hingebung, der Eifersucht) lange vor erreichter Pubertät fähig, und oft
genug stellt sich auch der Durchbruch dieser seelischen Zustände zu den körperlichen
Empfindungen der Sexualerregung her, so daß das Kind über die Zusammengehörigkeit der
beiden nicht im Zweifel bleiben kann. Kurz gesagt, das Kind ist lange vor der Pubertät ein bis auf
die Fortpflanzungsfähigkeit fertiges Liebeswesen, und man darf es aussprechen, daß man ihm mit
jener »Geheimtuerei« nur die Fähigkeit zur intellektuellen Bewältigung solcher Leistungen
vorenthält, für die es psychisch vorbereitet und somatisch eingestellt ist.
Das intellektuelle Interesse des Kindes für die Rätsel des Geschlechtslebens, seine sexuelle
Wißbegierde äußert sich denn auch zu einer unvermutet frühen Lebenszeit. Es muß wohl so
zugehen, daß die Eltern für dieses Interesse des Kindes wie mit Blindheit geschlagen sind oder
sich sofort bemühen, es zu ersticken, falls sie es nicht übersehen können, wenn Beobachtungen
wie die nun mitzuteilende nicht häufiger gemacht werden können. Ich kenne da einen prächtigen
Jungen von jetzt vier Jahren, dessen verständige Eltern darauf verzichten, ein Stück der
Entwicklung des Kindes gewaltsam zu unterdrücken. Der kleine Hans, der sicherlich keinem
verführenden Einflüsse von seiten einer Warteperson unterlegen ist, zeigt schon seit einiger Zeit
das lebhafteste Interesse für jenes Stück seines Körpers, das er als »Wiwimacher« zu bezeichnen
pflegt. Schon mit drei Jahren hat er die Mutter gefragt: »Mama, hast du auch einen
Wiwimacher?« Worauf die Mama geantwortet: »Natürlich, was hast du denn gedacht?« Dieselbe
Frage hat er zu wiederholten Malen an den Vater gerichtet. Im selben Alter zuerst in einen Stall
geführt, hat er beim Melken einer Kuh zugeschaut und dann verwundert ausgerufen: »Schau, aus
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin