Page - 1212 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 1212 -
Text of the Page - 1212 -
stehen einander in der Kindheit natürlich noch viel näher als im späteren Leben, so daß ich einen
methodischen Fehler nicht darin erblicken kann, die Mitteilungen von Neurotikern über ihre
Kindheit zu Analogieschlüssen über das normale Kindheitsleben zu verwerten. Da aber die
späteren Neurotiker sehr häufig einen besonders starken Geschlechtstrieb und eine Neigung zur
Frühreife, vorzeitiger Äußerung desselben, in ihrer Konstitution mitbringen, werden sie uns
vieles von der infantilen Sexualbetätigung greller und deutlicher erkennen lassen, als unserer
ohnedies stumpfen Beobachtungsgabe an anderen Kindern möglich wäre. Der wirkliche Wert
dieser von erwachsenen Neurotikern herrührenden Mitteilungen wird sich allerdings erst
abschätzen lassen, wenn man nach dem Vorgange von Havelock Ellis auch die
Kindheitserinnerungen erwachsener Gesunder der Sammlung gewürdigt haben wird.
Infolge der Ungunst äußerer wie innerer Verhältnisse haben die nachstehenden Mitteilungen
vorwiegend nur auf die Sexualentwicklung des einen Geschlechtes, des männlichen nämlich,
Bezug. Der Wert einer Sammlung aber, wie ich sie hier versuche, braucht kein bloß deskriptiver
zu sein. Die Kenntnis der infantilen Sexualtheorien, wie sie sich im kindlichen Denken gestalten,
kann nach verschiedenen Richtungen interessant sein, überraschenderweise auch für das
Verständnis der Mythen und Märchen. Unentbehrlich bleibt sie aber für die Auffassung der
Neurosen selbst, innerhalb deren diese kindlichen Theorien noch in Geltung sind und einen
bestimmenden Einfluß auf die Gestaltung der Symptome gewinnen.
Wenn wir unter Verzicht auf unsere Leiblichkeit als bloß denkende Wesen, etwa von einem
anderen Planeten her, die Dinge dieser Erde frisch ins Auge fassen könnten, so würde vielleicht
nichts anderes unserer Aufmerksamkeit mehr auffallen als die Existenz zweier Geschlechter unter
den Menschen, die, einander sonst so ähnlich, doch durch die äußerlichsten Anzeichen ihre
Verschiedenheit betonen. Es scheint nun nicht, daß auch die Kinder diese Grundtatsache zum
Ausgange ihrer Forschungen über sexuelle Probleme wählen. Da sie Vater und Mutter kennen,
soweit sie sich ihres Lebens erinnern, nehmen sie deren Vorhandensein als eine weiter nicht zu
untersuchende Realität hin, und ebenso verhält sich der Knabe gegen ein Schwesterchen, von
dem er nur durch eine geringe Altersdifferenz von ein oder zwei Jahren getrennt ist. Der
Wissensdrang der Kinder erwacht hier überhaupt nicht spontan, etwa infolge eines eingeborenen
Kausalitätsbedürfnisses, sondern unter dem Stachel der sie beherrschenden eigensüchtigen
Triebe, wenn sie – etwa nach Vollendung des zweiten Lebensjahres – von der Ankunft eines
neuen Kindes betroffen werden. Diejenigen Kinder, deren Kinderstube nicht im Hause selbst eine
solche Einquartierung empfängt, sind dann noch imstande, sich nach ihren Beobachtungen in
anderen Häusern in diese Situation zu versetzen. Der selbst erfahrene oder mit Recht befürchtete
Entgang an Fürsorge von Seiten der Eltern, die Ahnung, allen Besitz von nun an für alle Zeiten
mit dem Neuankömmlinge teilen zu müssen, wirken erweckend auf das Gefühlsleben des Kindes
und verschärfend auf seine Denkfähigkeit. Das ältere Kind äußert unverhohlene Feindseligkeit
gegen den Konkurrenten, die sich in unliebenswürdiger Beurteilung desselben, in Wünschen, daß
»der Storch ihn wieder mitnehmen möge«, und dergleichen Luft macht und gelegentlich selbst zu
kleinen Attentaten auf das hilflos in der Wiege Daliegende führt. Eine größere Altersdifferenz
schwächt den Ausdruck dieser primären Feindseligkeit in der Regel ab; ebenso kann in etwas
späteren Jahren, wenn Geschwister ausbleiben, der Wunsch nach einem Gespielen, wie das Kind
ihn anderswo beobachten konnte, die Oberhand erhalten.
Unter der Anregung dieser Gefühle und Sorgen kommt das Kind nun zur Beschäftigung mit dem
ersten, großartigen Problem des Lebens und stellt sich die Frage, woher die Kinder kommen, die
wohl zuerst lautet, woher dieses einzelne störende Kind gekommen ist. Den Nachklang dieser
1212
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin