Page - 2601 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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II
Vorarbeit allerdings nicht in dem Sinne, daß sie zuerst als Ganzes erledigt werden müßte, bevor
man das nächste beginnt, etwa wie bei einem Hausbau, wo alle Mauern aufgerichtet und alle
Fenster eingesetzt sein müssen, ehe man sich mit der inneren Dekoration der Gemächer
beschäftigen kann. Jeder Analytiker weiß, daß es in der analytischen Behandlung anders zugeht,
daß beide Arten von Arbeit nebeneinander herlaufen, die eine immer voran, die andere an sie
anschließend. Der Analytiker bringt ein Stück Konstruktion fertig, teilt es dem Analysierten mit,
damit es auf ihn wirke; dann konstruiert er ein weiteres Stück aus dem neu zuströmenden
Material, verfährt damit auf dieselbe Weise, und in solcher Abwechslung weiter bis zum Ende.
Wenn man in den Darstellungen der analytischen Technik so wenig von »Konstruktionen« hört,
so hat dies seinen Grund darin, daß man anstatt dessen von »Deutungen« und deren Wirkung
spricht. Aber ich meine, Konstruktion ist die weitaus angemessenere Bezeichnung. Deutung
bezieht sich auf das, was man mit einem einzelnen Element des Materials, einem Einfall, einer
Fehlleistung u. dgl., vornimmt. Eine Konstruktion ist es aber, wenn man dem Analysierten ein
Stück seiner vergessenen Vorgeschichte etwa in folgender Art vorführt: »Bis zu Ihrem nten Jahr
haben Sie sich als alleinigen und unbeschränkten Besitzer der Mutter betrachtet, dann kam ein
zweites Kind und mit ihm eine schwere Enttäuschung. Die Mutter hat Sie für eine Weile
verlassen, sich auch später Ihnen nicht mehr ausschließlich gewidmet. Ihre Empfindungen für die
Mutter wurden ambivalent, der Vater gewann eine neue Bedeutung für Sie« und so weiter.
In unserem Aufsatz ist unsere Aufmerksamkeit ausschließlich dieser Vorarbeit der
Konstruktionen zugewendet. Und da erhebt sich zuallererst die Frage, welche Garantien haben
wir während der Arbeit an den Konstruktionen, daß wir nicht irregehen und den Erfolg der
Behandlung durch die Vertretung einer unrichtigen Konstruktion aufs Spiel setzen? Es mag uns
scheinen, daß diese Frage eine allgemeine Beantwortung überhaupt nicht zuläßt, aber noch vor
dieser Erörterung wollen wir einer trostreichen Auskunft lauschen, die uns die analytische
Erfahrung gibt. Die lehrt uns nämlich, es bringt keinen Schaden, wenn wir uns einmal geirrt und
dem Patienten eine unrichtige Konstruktion als die wahrscheinliche historische Wahrheit
vorgetragen haben. Es bedeutet natürlich einen Zeitverlust, und wer dem Patienten immer nur
irrige Kombinationen zu erzählen weiß, wird ihm keinen guten Eindruck machen und es in seiner
Behandlung nicht weit bringen, aber ein einzelner solcher Irrtum ist harmlos. Was in solchem
Falle geschieht, ist vielmehr, daß der Patient wie unberührt bleibt, weder mit »Ja« noch mit
»Nein« darauf reagiert. Das kann möglicherweise nur ein Aufschub seiner Reaktion sein; bleibt
es aber so, dann dürfen wir den Schluß ziehen, daß wir uns geirrt haben, und werden dies ohne
Einbuße an unserer Autorität bei passender Gelegenheit dem Patienten eingestehen. Diese
Gelegenheit ist gegeben, wenn neues Material zum Vorschein gekommen ist, das eine bessere
Konstruktion und somit die Korrektur des Irrtums gestattet. Die falsche Konstruktion fällt in
solcher Art heraus, als ob sie nie gemacht worden wäre, ja in manchen Fällen gewinnt man den
Eindruck, als hätte man, mit Polonius zu reden, den Wahrheitskarpfen grade mit Hilfe des
Lügenköders gefangen. Die Gefahr, den Patienten durch Suggestion irrezuführen, indem man
ihm Dinge »einredet«, an die man selbst glaubt, die er aber nicht annehmen sollte, ist sicherlich
maßlos übertrieben worden. Der Analytiker müßte sich sehr inkorrekt benommen haben, wenn
ihm ein solches Mißgeschick zustoßen könnte; vor allem hätte er sich vorzuwerfen, daß er den
Patienten nicht zu Wort kommen ließ. Ich kann ohne Ruhmredigkeit behaupten, daß ein solcher
Mißbrauch der »Suggestion« in meiner Tätigkeit sich niemals ereignet hat.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin