Page - 2602 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Aus dem Vorstehenden geht bereits hervor, daß wir keineswegs geneigt sind, die Anzeichen zu
vernachlässigen, die sich aus der Reaktion des Patienten auf die Mitteilung einer unserer
Konstruktionen ableiten. Wir wollen diesen Punkt eingehend behandeln. Es ist richtig, daß wir
ein »Nein« des Analysierten nicht als vollwertig hinnehmen, aber ebensowenig lassen wir sein
»Ja« gelten; es ist ganz ungerechtfertigt, uns zu beschuldigen, daß wir seine Äußerung in allen
Fällen in eine Bestätigung umdeuten. In Wirklichkeit geht es nicht so einfach zu, machen wir uns
die Entscheidung nicht so leicht.
Das direkte »Ja« des Analysierten ist vieldeutig. Es kann in der Tat anzeigen, daß er die
vernommene Konstruktion als richtig anerkennt, es kann aber auch bedeutungslos sein oder selbst
was wir »heuchlerisch« heißen können, indem es seinem Widerstand bequem ist, die nicht
aufgedeckte Wahrheit durch eine solche Zustimmung weiterhin zu verbergen. Einen Wert hat
dies »Ja« nur, wenn es von indirekten Bestätigungen gefolgt wird, wenn der Patient in
unmittelbarem Anschluß an sein »Ja« neue Erinnerungen produziert, welche die Konstruktion
ergänzen und erweitern. Nur in diesem Falle anerkennen wir das »Ja« als die volle Erledigung
des betreffenden Punktes.
Das »Nein« des Analysierten ist ebenso vieldeutig und eigentlich noch weniger verwendbar als
sein »Ja«. In seltenen Fällen erweist es sich als Ausdruck berechtigter Ablehnung; ungleich
häufiger ist es Äußerung eines Widerstandes, der durch den Inhalt der mitgeteilten Konstruktion
hervorgerufen wird, aber ebensowohl von einem anderen Faktor der komplexen analytischen
Situation herrühren kann. Das »Nein« des Patienten beweist also nichts für die Richtigkeit der
Konstruktion, es verträgt sich aber sehr gut mit dieser Möglichkeit. Da jede solche Konstruktion
unvollständig ist, nur ein Stückchen des vergessenen Geschehens erfaßt, steht es uns frei
anzunehmen, daß der Analysierte nicht eigentlich das ihm Mitgeteilte leugnet, sondern seinen
Widerspruch von dem noch nicht aufgedeckten Anteil her aufrechthält. Er wird in der Regel seine
Zustimmung erst dann äußern, wenn er die ganze Wahrheit erfahren hat, und die ist oft recht
weitläufig. Die einzig sichere Deutung seines »Nein« ist also die auf Unvollständigkeit; die
Konstruktion hat ihm gewiß nicht alles gesagt.
Es ergibt sich also, daß man aus den direkten Äußerungen des Patienten nach der Mitteilung einer
Konstruktion wenig Anhaltspunkte gewinnen kann, ob man richtig oder unrichtig geraten hat.
Um so interessanter ist es, daß es indirekte Arten der Bestätigung gibt, die durchaus zuverlässig
sind. Eine derselben ist eine Redensart, die man in wenig abgeänderten Worten von den
verschiedensten Personen wie über Verabredung zu hören bekommt. Sie lautet: » Das (daran)
habe ich (oder: hätte ich) nie gedacht.« Man kann diese Äußerung unbedenklich übersetzen: »Ja,
Sie haben das Unbewußte in diesem Falle richtig getroffen.« Leider hört man die dem Analytiker
so erwünschte Formel häufiger nach Einzeldeutungen als nach der Mitteilung umfangreicher
Konstruktionen. Eine ebenso wertvolle Bestätigung, diesmal positiv ausgedrückt, ist es, wenn der
Analysierte mit einer Assoziation antwortet, die etwas dem Inhalt der Konstruktion Ähnliches
oder Analoges enthält. Anstatt eines Beispieles hiefür aus einer Analyse, das leicht aufzufinden,
aber weitläufig darzustellen wäre, möchte ich hier ein kleines außeranalytisches Erlebnis
erzählen, das einen solchen Sachverhalt mit beinahe komisch wirkender Eindringlichkeit
darstellt. Es handelte sich um einen Kollegen, der mich – es ist lange her – zum Konsiliarius in
seiner ärztlichen Tätigkeit gewählt hatte. Eines Tages aber brachte er mir seine junge Frau, die
ihm Ungelegenheiten bereitete. Sie verweigerte ihm unter allerlei Vorwänden den sexuellen
Verkehr, und er erwartete offenbar von mir, daß ich sie über die Folgen ihres unzweckmäßigen
Benehmens aufklären sollte. Ich ging darauf ein und setzte ihr auseinander, daß ihre Weigerung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin