Page - 2603 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bei ihrem Mann wahrscheinlich bedauerliche Gesundheitsstörungen oder Versuchungen
hervorrufen würde, die zum Verfall ihrer Ehe führen könnten. Dabei unterbrach er mich
plötzlich, um mir zu sagen: »Der Engländer, bei dem Sie einen Hirntumor diagnostiziert haben,
ist auch schon gestorben.« Die Rede schien zuerst unverständlich, das auch im Satze rätselhaft,
es war von keinem anderen Gestorbenen gesprochen worden. Eine kurze Weile später verstand
ich. Der Mann wollte mich offenbar bekräftigen, er wollte sagen: »Ja, Sie haben ganz gewiß
recht, Ihre Diagnose bei dem Patienten hat sich auch bestätigt.« Es war ein volles Gegenstück zu
den indirekten Bestätigungen durch Assoziationen, die wir in den Analysen erhalten. Daß an der
Äußerung des Kollegen auch andere, von ihm beiseite geschobene Gedanken einen Anteil gehabt
haben, will ich nicht bestreiten.
Die indirekte Bestätigung durch Assoziationen, die zum Inhalt der Konstruktion passen, die ein
solches » auch« mit sich bringen, gibt unserem Urteil wertvolle Anhaltspunkte, um zu erraten, ob
sich diese Konstruktion in der Fortsetzung der Analyse bewahrheiten wird. Besonders
eindrucksvoll ist auch der Fall, wenn sich die Bestätigung mit Hilfe einer Fehlleistung in den
direkten Widerspruch einschleicht. Ein schönes Beispiel dieser Art habe ich früher einmal an
anderer Stelle veröffentlicht. In den Träumen des Patienten tauchte wiederholt der in Wien
wohlbekannte Name Jauner auf, ohne in seinen Assoziationen genügende Aufklärung zu finden.
Ich versuchte dann die Deutung, er meine wohl Gauner, wenn er Jauner sage, und der Patient
antwortet prompt: »Das scheint mir doch zu jewagt.« Oder der Patient will die Zumutung, daß
ihm eine bestimmte Zahlung zu hoch erscheine, mit den Worten zurückweisen: »Zehn Dollars
spielen bei mir keine Rolle«, setzt aber anstatt Dollars die niedrigere Geldsorte ein und sagt:
»Zehn Schilling.«
Wenn die Analyse unter dem Druck starker Momente steht, die eine negative therapeutische
Reaktion erzwingen, wie Schuldbewußtsein, masochistisches Leidensbedürfnis, Sträuben gegen
die Hilfeleistung des Analytikers, macht das Verhalten des Patienten nach der Mitteilung der
Konstruktion uns oft die gesuchte Entscheidung sehr leicht. Ist die Konstruktion falsch, so ändert
sich nichts beim Patienten; wenn sie aber richtig ist oder eine Annäherung an die Wahrheit
bringt, so reagiert er auf sie mit einer unverkennbaren Verschlimmerung seiner Symptome und
seines Allgemeinbefindens.
Zusammenfassend werden wir feststellen, wir verdienen nicht den Vorwurf, daß wir die
Stellungnahme des Analysierten zu unseren Konstruktionen geringschätzig zur Seite drängen.
Wir achten auf sie und entnehmen ihr oft wertvolle Anhaltspunkte. Aber diese Reaktionen des
Patienten sind zumeist vieldeutig und gestatten keine endgültige Entscheidung. Nur die
Fortsetzung der Analyse kann die Entscheidung über Richtigkeit oder Unbrauchbarkeit unserer
Konstruktion bringen. Wir geben die einzelne Konstruktion für nichts anderes aus als für eine
Vermutung, die auf Prüfung, Bestätigung oder Verwerfung wartet. Wir beanspruchen keine
Autorität für sie, fordern vom Patienten keine unmittelbare Zustimmung, diskutieren nicht mit
ihm, wenn er ihr zunächst widerspricht. Kurz, wir benehmen uns nach dem Vorbild einer
bekannten Nestroyschen Figur, des Hausknechts, der für alle Fragen und Einwendungen die
einzige Antwort bereit hat: » Im Laufe der Begebenheiten wird alles klar werden.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin