Page - 2608 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Der Traum ist also eine Psychose, mit allen Ungereimtheiten, Wahnbildungen,
Sinnestäuschungen einer solchen. Eine Psychose zwar von kurzer Dauer, harmlos, selbst mit
einer nützlichen Funktion betraut, von der Zustimmung der Person eingeleitet, durch einen
Willensakt von ihr beendet. Aber doch eine Psychose, und wir lernen an ihr, daß selbst eine so
tiefgehende Veränderung des Seelenlebens rückgängig werden, der normalen Funktion Raum
geben kann. Ist es dann kühn zu hoffen, daß es möglich sein müßte, auch die gefürchteten
spontanen Erkrankungen des Seelenlebens unserem Einfluß zu unterwerfen und sie zur Heilung
zu bringen?
Wir wissen schon manches zur Vorbereitung für diese Unternehmung. Nach unserer
Voraussetzung hat das Ich die Aufgabe, den Ansprüchen seiner drei Abhängigkeiten von der
Realität, dem Es und dem Über-Ich zu genügen und dabei doch seine Organisation
aufrechtzuhalten, seine Selbständigkeit zu behaupten. Die Bedingung der in Rede stehenden
Krankheitszustände kann nur eine relative oder absolute Schwächung des Ichs sein, die ihm die
Erfüllung seiner Aufgaben unmöglich macht. Die schwerste Anforderung an das Ich ist
wahrscheinlich die Niederhaltung der Triebansprüche des Es, wofür es große Aufwände an
Gegenbesetzungen zu unterhalten hat. Es kann aber auch der Anspruch des Über-Ichs so stark
und so unerbittlich werden, daß das Ich seinen anderen Aufgaben wie gelähmt gegenübersteht.
Wir ahnen, in den ökonomischen Konflikten, die sich hier ergeben, machen Es und Über-Ich oft
gemeinsame Sache gegen das bedrängte Ich, das sich zur Erhaltung seiner Norm an die Realität
anklammern will. Werden die beiden ersteren zu stark, so gelingt es ihnen, die Organisation des
Ichs aufzulockern und zu verändern, so daß seine richtige Beziehung zur Realität gestört oder
selbst aufgehoben wird. Wir haben es am Traum gesehen; wenn sich das Ich von der Realität der
Außenwelt ablöst, verfällt es unter dem Einfluß der Innenwelt in die Psychose.
Auf diese Einsichten gründen wir unseren Heilungsplan. Das Ich ist durch den inneren Konflikt
geschwächt, wir müssen ihm zur Hilfe kommen. Es ist wie in einem Bürgerkrieg, der durch den
Beistand eines Bundesgenossen von außen entschieden werden soll. Der analytische Arzt und das
geschwächte Ich des Kranken sollen, an die reale Außenwelt angelehnt, eine Partei bilden gegen
die Feinde, die Triebansprüche des Es und die Gewissensansprüche des Über-Ichs. Wir schließen
einen Vertrag miteinander. Das kranke Ich verspricht uns vollste Aufrichtigkeit, d. h. die
Verfügung über allen Stoff, den ihm seine Selbstwahrnehmung liefert, wir sichern ihm strengste
Diskretion zu und stellen unsere Erfahrung in der Deutung des vom Unbewußten beeinflußten
Materials in seinen Dienst. Unser Wissen soll sein Unwissen gutmachen, soll seinem Ich die
Herrschaft über verlorene Bezirke des Seelenlebens wiedergeben. In diesem Vertrag besteht die
analytische Situation.
Schon nach diesem Schritt erwartet uns die erste Enttäuschung, die erste Mahnung zur
Bescheidenheit. Soll das Ich des Kranken ein wertvoller Bundesgenosse bei unserer
gemeinsamen Arbeit sein, so muß es sich trotz aller Bedrängnis durch die ihm feindlichen
Mächte ein gewisses Maß von Zusammenhalt, ein Stück Einsicht für die Anforderungen der
Wirklichkeit bewahrt haben. Aber das ist vom Ich des Psychotikers nicht zu erwarten, dieses
kann einen solchen Vertrag nicht einhalten, ja kaum ihn eingehen. Es wird sehr bald unsere
Person und die Hilfe, die wir ihm anbieten, zu den Anteilen der Außenwelt geworfen haben, die
ihm nichts mehr bedeuten. Somit erkennen wir, daß wir darauf verzichten müssen, unseren
Heilungsplan beim Psychotiker zu versuchen. Vielleicht für immer verzichten, vielleicht nur
zeitweilig, bis wir einen anderen, für ihn tauglicheren Plan gefunden haben.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin