Page - 2613 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Bewußtmachen desselben und auf den Versuch zum langsamen Abbau des feindseligen
Über-Ichs beschränken.
Weniger leicht ist es, die Existenz eines anderen Widerstandes zu erweisen, in dessen
Bekämpfung wir uns besonders unzulänglich finden. Es gibt unter den Neurotikern Personen, bei
denen, nach all ihren Reaktionen zu urteilen, der Trieb zur Selbsterhaltung geradezu eine
Verkehrung erfahren hat. Sie scheinen auf nichts anderes als auf Selbstschädigung und
Selbstzerstörung auszugehen. Vielleicht gehören auch die Personen, welche am Ende wirklich
Selbstmord begehen, zu dieser Gruppe. Wir nehmen an, daß bei ihnen weitgehende
Triebentmischungen stattgefunden haben, in deren Folge übergroße Quantitäten des nach innen
gewendeten Destruktionstriebs freigeworden sind. Solche Patienten können die Herstellung durch
unsere Behandlung nicht erträglich finden, sie widerstreben ihr mit allen Mitteln. Aber wir
gestehen es zu, dies ist ein Fall, dessen Aufklärung uns noch nicht ganz geglückt ist.
Überblicken wir jetzt nochmals die Situation, in die wir uns mit unserem Versuch, dem
neurotischen Ich Hilfe zu bringen, begeben haben. Dieses Ich kann die Aufgabe, welche ihm die
Außenwelt einschließlich der menschlichen Gesellschaft stellt, nicht mehr erfüllen. Es verfügt
nicht über all seine Erfahrungen, ein großer Teil seines Erinnerungsschatzes ist ihm abhanden
gekommen. Seine Aktivität wird durch strenge Verbote des Über-Ichs gehemmt, seine Energie
verzehrt sich in vergeblichen Versuchen zur Abwehr der Ansprüche des Es. Überdies ist es
infolge der fortgesetzten Einbrüche des Es in seiner Organisation geschädigt, in sich gespalten,
bringt keine ordentliche Synthese mehr zustande, wird von einander widerstrebenden Strebungen,
unerledigten Konflikten, ungelösten Zweifeln zerrissen. Wir lassen dies geschwächte Ich des
Patienten zunächst an der rein intellektuellen Deutungsarbeit teilnehmen, die eine provisorische
Ausfüllung der Lücken in seinem seelischen Besitz anstrebt, lassen uns die Autorität seines
Über-Ichs übertragen, feuern es an, den Kampf um jeden einzelnen Anspruch des Es
aufzunehmen und die Widerstände zu besiegen, die sich dabei ergeben. Gleichzeitig stellen wir
die Ordnung in seinem Ich wieder her, indem wir die aus dem Unbewußten eingedrungenen
Inhalte und Strebungen aufspüren und durch Rückführung auf ihren Ursprung der Kritik
bloßstellen. Wir dienen dem Patienten in verschiedenen Funktionen als Autorität und
Elternersatz, als Lehrer und Erzieher, das Beste haben wir für ihn getan, wenn wir als Analytiker
die psychischen Vorgänge in seinem Ich aufs normale Niveau heben, unbewußt Gewordenes und
Verdrängtes in Vorbewußtes verwandeln und damit dem Ich wieder zu eigen geben. Auf der
Seite des Patienten wirken für uns einige rationelle Momente wie das durch sein Leiden
motivierte Bedürfnis nach Genesung und das intellektuelle Interesse, das wir bei ihm für die
Lehren und Enthüllungen der Psychoanalyse wecken konnten, mit weit stärkeren Kräften aber die
positive Übertragung, mit der er uns entgegenkommt. Auf der anderen Seite streiten gegen uns
die negative Übertragung, der Verdrängungswiderstand des Ichs, d. h. seine Unlust, sich der ihm
aufgetragenen schweren Arbeit auszusetzen, das Schuldgefühl aus dem Verhältnis zum Über-Ich
und das Krankheitsbedürfnis aus tiefgreifenden Veränderungen seiner Triebökonomie. Von dem
Anteil der beiden letzteren Faktoren hängt es ab, ob wir seinen Fall einen leichten oder schweren
nennen werden. Unabhängig von diesen lassen sich einige andere Momente erkennen, die als
günstig oder ungünstig in Betracht kommen. Eine gewisse psychische Trägheit, eine
Schwerbeweglichkeit der Libido, die ihre Fixierungen nicht verlassen will, kann uns nicht
willkommen sein; die Fähigkeit der Person zur Triebsublimierung spielt eine große Rolle und
ebenso ihre Fähigkeit zur Erhebung über das grobe Triebleben sowie die relative Macht ihrer
intellektuellen Funktionen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin