Page - 2630 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bezeichnend für die Richtung unserer innersten Gedanken waren unsere Träume, die nie lebhafter
und zahlreicher waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst nur
ausnahmsweise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen aus
dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu erzählen. Alle handelten sie
von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern lag, waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen
angepaßt. Ein besonders charakteristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden
auf die Schulbank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zuteil wurde, ganz kleinen
Miniaturseehunden, die eigens für Unterrichtszwecke angefertigt waren, die Haut abzuziehen.
Essen und Trinken waren übrigens die Mittelpunkte, um die sich unsere Träume am häufigsten
drehten. Einer von uns, der nächtlicherweise darin exzellierte, auf große Mittagsgesellschaften zu
gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens berichten konnte, ›daß er ein Diner von drei Gängen
eingenommen habe‹; ein anderer träumte vom Tabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere
von dem Schiff, das mit vollen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer
Traum verdient der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt eine lange
Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert und
erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen. Natürlich beschäftigte man
sich im Schlaf mit noch unmöglicheren Dingen, aber der Mangel an Phantasie in fast allen
Träumen, die ich selbst träumte oder erzählen hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von
großem psychologischen Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet würden. Man wird
aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles bieten konnte, was ein
jeder von uns am glühendsten begehrte.« – Nach Du Prel (1885, 231) zitiere ich noch: »Mungo
Park, auf einer Reise in Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören von
wasserreichen Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von Hunger gequälte Trenck
in der Sternschanze zu Magdeburg von üppigen Mahlzeiten umgeben, und George Back,
Teilnehmer der ersten Expedition Franklins, als er infolge furchtbarer Entbehrungen dem
Hungertode nahe war, träumte stets und gleichmäßig von reichen Mahlzeiten.«
[43] Ein ungarisches, von Ferenczi angezogenes Sprichwort behauptet vollständiger, daß »das
Schwein von Eicheln, die Gans von Mais träumt«. Ein jüdisches Sprichwort lautet: »Wovon
träumt das Huhn? – Von Hirse.« Bernstein und Segel, 1908, 116.
[44] Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor mir daran gedacht habe,
einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die ersten Sätze des nächsten Abschnittes.)
Wer auf solche Andeutungen Wert legt, könnte schon aus dem Altertum den unter dem ersten
Ptolemäus lebenden Arzt Herophilos anführen, der nach Büchsenschütz (1868, 33) drei Arten
von Träumen unterschied: gottgesandte, natürliche, welche entstehen, indem die Seele sich ein
Bild dessen schafft, was ihr zuträglich ist und was eintreten wird, und gemischte, die von selbst
durch Annäherung von Bildern entstehen, wenn wir das sehen, was wir wünschen. Aus der
Beispielsammlung von Scherner weiß J. Stärcke (1913) einen Traum hervorzuheben, der vom
Autor selbst als Wunscherfüllung bezeichnet wird (1861, 239). Scherner sagt: »Den wachen
Wunsch der Träumerin erfüllte die Phantasie sofort einfach darum, weil er im Gemüte derselben
lebhaft bestand.« Dieser Traum steht unter den »Stimmungsträumen«; in seiner Nähe befinden
sich Träume für »männliches und weibliches Liebessehnen« und für »verdrießliche Stimmung«.
Es ist, wie man sieht, keine Rede davon, daß Scherner dem Wünschen für den Traum eine andere
Bedeutung zuschrieb als irgendeinem sonstigen Seelenzustand des Wachens, geschweige denn,
daß er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammenhang gebracht hätte.
[45] Schon der Neuplatoniker Plotin sagt: »Wenn die Begierde sich regt, dann kommt die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin