Page - 2631 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt derselben.« (Du Prel, 1885, 276.)
[46] Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und Kritiker dieser Erwägung
verschließen und die grundlegende Unterscheidung von manifestem und latentem Trauminhalt
unbeachtet lassen. – Keine der in der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber dieser
meiner Aufstellung so sehr entgegen wie eine Stelle in J. Sullys Aufsatz: ›The Dream as a
Revelation‹ (1893, 364), deren Verdienst dadurch nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst
hier anführe: »It would seem, then, after all, that dreams are not the utter nonsense they have
been said to be by such authorities as Chaucer, Shakespeare and Milton. The chaotic
aggregations of our night-fancy have a significance and communicate new knowledge. Like some
letter in cypher, the dream-inscription when scrutinized closely loses its first look of balderdash
and takes on the aspect of a serious, intelligible message. Or, to vary the figure slightly, we may
say that, like some palimpsest, the dream discloses beneath its worthless surface-characters
traces of an old and precious communication.«
[47] Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung – im Wachen – für die Zwecke der
Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln gekannt, einen von ihnen geliebt und
geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden
habe, sage ich mir: Ich habe doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traum gemeint ist.
[48] Frau Dr. H. v. Hug-Hellmuth hat im Jahre 1915 einen Traum mitgeteilt, der vielleicht wie
kein anderer geeignet ist, meine Namengebung zu rechtfertigen. Die Traumentstellung arbeitet in
diesem Beispiel mit demselben Mittel wie die Briefzensur, um die Stellen auszulöschen, die ihr
anstößig erscheinen. Die Briefzensur macht solche Stellen durch Überstreichen unlesbar, die
Traumzensur ersetzt sie durch ein unverständliches Gemurmel.
Zum Verständnis des Traumes sei mitgeteilt, daß die Träumerin, eine hochangesehene,
feingebildete Dame, fünfzig Jahre zählt, Witwe eines vor ungefähr zwölf Jahren verstorbenen
höheren Offiziers und Mutter erwachsener Söhne ist, deren einer zur Zeit des Traumes im Felde
steht.
Und nun der Traum von den »Liebesdiensten«. »Sie geht ins Garnisonsspital Nr. 1 und sagt dem
Posten beim Tor, sie müsse den Oberarzt … (sie nennt einen ihr unbekannten Namen) sprechen,
da sie im Spital Dienst tun wolle. Dabei betont sie das Wort ›Dienst‹ so, daß der Unteroffizier
sofort merkt, es handle sich um ›Liebesdienste‹. Da sie eine alte Frau ist, läßt er sie nach einigem
Zögern passieren. Statt aber zum Oberarzt zu kommen, gelangt sie in ein großes, düsteres
Zimmer, in dem viele Offiziere und Militärärzte an einem langen Tisch stehen und sitzen. Sie
wendet sich mit ihrem Antrag an einen Stabsarzt, der sie nach wenigen Worten schon versteht.
Der Wortlaut ihrer Rede im Traum ist: ›Ich und zahlreiche andere Frauen und junge Mädchen
Wiens sind bereit, den Soldaten, Mannschaft und Offiziere ohne Unterschied, …‹ Hier folgt im
Traum ein Gemurmel. Daß dasselbe aber von allen Anwesenden richtig verstanden wird, zeigen
ihr die teils verlegenen, teils hämischen Mienen der Offiziere. Die Dame fährt fort: ›Ich weiß,
daß unser Entschluß befremdend klingt, aber es ist uns bitterernst. Der Soldat im Feld wird auch
nicht gefragt, ob er sterben will oder nicht.‹ Ein minutenlanges peinliches Schweigen folgt. Der
Stabsarzt legt ihr den Arm um die Mitte und sagt: ›Gnädige Frau, nehmen Sie den Fall, es würde
tatsächlich dazu kommen, …‹ (Gemurmel). Sie entzieht sich seinem Arm mit dem Gedanken: Es
ist doch einer wie der andere, und erwidert: ›Mein Gott, ich bin eine alte Frau und werde
vielleicht gar nicht in die Lage kommen. Übrigens, eine Bedingung müßte eingehalten werden:
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin