Page - 2633 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke des Traumes auftaucht. Diese nachträglich
eingefügten Stücke ergeben regelmäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter
unten über das Vergessen der Träume.
[55] Ähnliche »Gegenwunschträume« wurden mir in den letzten Jahren wiederholt von meinen
Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes Zusammentreffen mit der »Wunschtheorie des
Traumes«.
[56] Ich verweise darauf, daß dies Thema hier nicht erledigt ist und noch später behandelt werden
wird.
[57] Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wurde, von Psychoanalyse und
Traumdeutung nichts wissen will, findet doch aus eigenem eine fast identische Formel für das
Wesen des Traumes: »Unbefugtes Auftauchen unterdrückter Sehnsuchtswünsche unter falschem
Antlitz und Namen.« C. Spitteler (1914, 1). Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank
herrührende Erweiterung und Modifikation der obigen Grundformel an: »Der Traum stellt
regelmäßig auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials aktuelle, in
der Regel auch erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch eingekleideter Form als erfüllt
dar.« (Rank, 1910.) Ich habe an keiner Stelle gesagt, daß ich diese Ranksche Formel zur
meinigen gemacht habe. Die kürzere, im Text enthaltene Fassung scheint mir zu genügen. Aber
daß ich die Ranksche Modifikation überhaupt erwähnte, hat genügt, um der Psychoanalyse den
ungezählte Male wiederholten Vorwurf einzutragen: sie behaupte, alle Traume haben sexuellen
Inhalt. Wenn man diesen Satz so versteht, wie er verstanden werden will, so beweist er nur, wie
wenig Gewissenhaftigkeit Kritiker bei ihren Geschäften zu verbrauchen pflegen und wie gerne
Gegner die klarsten Äußerungen übersehen, wenn sie ihrer Neigung zur Aggression nicht taugen,
denn wenige Seiten vorher hatte ich die mannigfaltigen Wunscherfüllungen der Kinderträume
erwähnt (eine Landpartie oder Seefahrt zu machen, eine versäumte Mahlzeit nachzuholen usw.),
an anderen Stellen von den Hungerträumen, den Träumen auf Durstreiz, auf Exkretionsreiz, von
den reinen Bequemlichkeitsträumen gehandelt. Selbst Rank stellt keine absolute Behauptung auf.
Er sagt »in der Regel auch erotische Wünsche«, und dies ist für die meisten Träume Erwachsener
durchaus zu bestätigen.
Anders sieht es aus, wenn man »sexuell« in dem nun in der Psychoanalyse gebräuchlichen Sinne
von »Eros« gebraucht. Aber das interessante Problem, ob nicht alle Träume von »libidinösen«
Triebkräften (im Gegensatz zu »destruktiven«) geschaffen werden, haben die Gegner kaum vor
Augen gehabt.
[58] Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu bestimmt, unser Gedächtnis von
den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, nicht mehr zu halten ist, wenn im Traume
einigermaßen häufig gleichgültige Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte
den Schluß ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen
pflegt.
[59] H. Swoboda hat, wie in den Ergänzungen zum ersten Abschnitt (S. 115) mitgeteilt, die von
W. Fließ gefundenen biologischen Intervalle von 23 und 28 Tagen in weitem Ausmaß auf das
seelische Geschehen übertragen und insbesondere behauptet, daß diese Zeiten für das Auftauchen
der Traumelemente in den Träumen entscheidend sind. Die Traumdeutung würde nicht
wesentlich abgeändert, wenn sich solches nachweisen ließe, aber für die Herkunft des
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin