Page - 2638 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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männliche Glas eine Beziehung hat. Einem Wiener brauchte ich das Prinzip des »Gschnas« nicht
auseinanderzusetzen; es besteht darin, Gegenstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus
trivialem, am liebsten komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus
Kochtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen Abenden
lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen es ebenso machen; neben dem, was ihnen
wirklich zugestoßen ist, gestalten sie sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende
Phantasiebegebenheiten, die sie aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens
aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen der
wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos. Diese Aufklärung
hatte mir über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte mir viel Freude. Ich konnte sie
mit dem Traumelement des »männlichen Glases« andeuten, weil mir von dem letzten
»Gschnasabend« erzählt worden war, es sei dort ein Giftbecher der Lucrezia Borgia ausgestellt
gewesen, dessen Kern und Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern
gebräuchlich ist, gebildet hätte.
[85] Die Übereinanderschichtung der Bedeutungen des Traums ist eines der heikelsten, aber auch
inhaltsreichsten Probleme der Traumdeutung. Wer an diese Möglichkeit vergißt, wird leicht
irregehen und zur Aufstellung unhaltbarer Behauptungen über das Wesen des Traums verleitet
werden. Doch sind über dieses Thema noch viel zu wenige Untersuchungen angestellt worden.
Bisher hat nur die ziemlich regelmäßige Symbolschichtung im Harnreiztraume eine gründliche
Würdigung durch O. Rank (1912 a) erfahren.
[86] Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten, ausführlichen und genauen
Protokolle experimentell erzeugter Träume von Mourly Vold durchzulesen, um sich zu
überzeugen, wie wenig Aufklärung der Inhalt des einzelnen Traums in den angegebenen
Versuchsbedingungen findet und wie gering überhaupt der Nutzen solcher Experimente für das
Verständnis der Traumprobleme ist.
[87] Vgl. hiezu K. Landauer, Handlungen des Schlafendem (1918). Es gibt für jeden Beobachter
sichtbare, sinnvolle Handlungen des Schlafenden. Der Schläfer ist nicht absolut verblödet, im
Gegenteil: er vermag logisch und willensstark zu handeln.
[88] Vergleiche die Stelle bei Griesinger und die Bemerkung in meinem zweiten Aufsatz über die
Abwehr-Neuropsychosen (1896 b»).
[89] Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn kenne, nicht
übereinstimmend erzählt.
[90] Rank hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch Organreiz hervorgerufene
Weckträume (die Harnreiz- und Pollutionsträume) besonders geeignet sind, den Kampf zwischen
dem Schlafbedürfnis und den Anforderungen des organischen Bedürfnisses sowie den Einfluß
des letzteren auf den Trauminhalt zu demonstrieren.
[91] Der Satz, daß unsere Methode der Traumdeutung unanwendbar wird, wenn wir nicht über
das Assoziationsmaterial des Träumers verfügen, fordert die Ergänzung, daß unsere
Deutungsarbeit in einem Falle von diesen Assoziationen unabhängig ist, nämlich dann, wenn der
Träumer symbolische Elemente im Trauminhalt verwendet hat. Wir bedienen uns dann,
strenggenommen, einer zweiten, auxiliären Methode der Traumdeutung. (S. unten.)
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin