Page - 2640 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Image of the Page - 2640 -
Text of the Page - 2640 -
Geisteswissenschaften.
[102] Die Beobachtung eines psychoanalytisch geschulten Vaters erhascht auch den Moment, in
dem sein geistig hochentwickeltes vierjähriges Töchterchen den Unterschied zwischen »fortsein«
und »totsein« anerkennt. Das Kind machte Schwierigkeiten beim Essen und fühlte sich von einer
der Aufwärterinnen in der Pension unfreundlich beobachtet. »Die Josefine soll tot sein«, äußerte
sie darum gegen den Vater. »Warum gerade tot sein?« fragte der Vater beschwichtigend. »Ist es
nicht genug, wenn sie weggeht?« »Nein«, antwortete das Kind, »dann kommt sie wieder.« Für
die uneingeschränkte Eigenliebe (den Narzißmus) des Kindes ist jede Störung ein crimen laesae
majestatis, und wie die drakonische Gesetzgebung setzt das Gefühl des Kindes auf alle solche
Vergehen nur die eine nicht dosierbare Strafe.
[103] Der Sachverhalt wird häufig durch das Auftreten einer Straftendenz verhüllt, welche in
moralischer Reaktion mit dem Verlust des geliebten Elternteils droht.
[104] Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach anderen wird die Entmannung
nur von Kronos an seinem Vater Uranos vollzogen.
Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vgl. Otto Rank, 1909 und 1912 c,
Kapitel IX, 2.
[105] Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so erbitterten Widerspruch,
ein so grimmiges Sträuben und – so ergötzliche Verrenkungen der Kritik hervorgerufen wie
dieser Hinweis auf die kindlichen, im Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen. Die
letzte Zeit hat selbst einen Versuch gebracht, den Inzest, allen Erfahrungen trotzend, nur als
»symbolisch« gelten zu lassen. Eine geistreiche Überdeutung des Ödipusmythus gibt, auf einer
Briefstelle Schopenhauers fußend, Ferenczi (1912). – Der hier zuerst in der Traumdeutung
berührte »Ödipuskomplex« hat durch weitere Studien eine ungeahnt große Bedeutung für das
Verständnis der Menschheitsgeschichte und der Entwicklung von Religion und Sittlichkeit
gewonnen. (S. Totem und Tabu, 1912–13.)
[106] Die obenstehenden Andeutungen zum analytischen Verständnis des Hamlet hat dann
E. Jones vervollständigt und gegen andere in der Literatur niedergelegte Auffassungen verteidigt.
(S. Jones, 1910 a.) – An der oben gemachten Voraussetzung, daß der Autor der Werke
Shakespeares der Mann aus Stratford war, bin ich seither allerdings irre geworden. – Weitere
Bemühungen um die Analyse des Macbeth in meinem Aufsatze ›Einige Charaktertypen aus der
psychoanalytischen Arbeit‹ (1916 d) und bei L. Jekels (1917)
[107] Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der Träume könnte ein
Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch als groß zu werden, von
allem so viel zu bekommen wie die Großen; es ist schwer zu befriedigen, kennt kein Genug,
verlangt unersättlich nach Wiederholung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt hat.
Maßhalten, sich bescheiden, resignieren lernt es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich
neigt auch der Neurotiker zur Maßlosigkeit und Unmäßigkeit.
[108] Als Ernest Jones in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer amerikanischen
Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine gelehrte Dame gegen diese
unwissenschaftliche Verallgemeinerung den Einwand, der Autor könne doch nur über die
Träume von Österreichern urteilen und dürfe über die Träume von Amerikanern nichts aussagen.
2640
back to the
book Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin