Page - 2652 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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erwähnt von einem ›Kanal‹, vielleicht ein anderes Buch, in dem Kanal vorkommt, oder sonst
etwas mit Kanal … sie weiß es nicht … es ist ja ganz unklar.
Nun werden Sie gewiß zu glauben geneigt sein, daß das Element ›Kanal‹ sich der Deutung
entziehen wird, weil es selbst so unbestimmt ist. Sie haben mit der vermuteten Schwierigkeit
recht, aber es ist nicht darum schwer, weil es undeutlich ist, sondern es ist undeutlich aus einem
anderen Grunde, demselben, der auch die Deutung schwermacht. Der Träumerin fällt zu Kanal
nichts ein; ich weiß natürlich auch nichts zu sagen. Eine Weile später, in Wahrheit am nächsten
Tage, erzählt sie, es sei ihr etwas eingefallen, was vielleicht dazugehört. Auch ein Witz nämlich,
den sie erzählen gehört hat. Auf einem Schiff zwischen Dover und Calais unterhält sich ein
bekannter Schriftsteller mit einem Engländer, welcher in einem gewissen Zusammenhange den
Satz zitiert: Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas. Der Schriftsteller antwortet: Oui, le pas de
Calais, womit er sagen will, daß er Frankreich großartig und England lächerlich findet. Der Pas
de Calais ist aber doch ein Kanal, der Ärmelkanal nämlich, Canal la Manche. Ob ich meine, daß
dieser Einfall etwas mit dem Traum zu tun hat? Gewiß, meine ich, er gibt wirklich die Lösung
des rätselhaften Traumelements. Oder wollen Sie bezweifeln, daß dieser Witz bereits vor dem
Traum als das Unbewußte des Elements ›Kanal‹ vorhanden war, können Sie annehmen, daß er
nachträglich hinzugefunden wurde? Der Einfall bezeugt nämlich die Skepsis, die sich bei ihr
hinter aufdringlicher Bewunderung verbirgt, und der Widerstand ist wohl der gemeinsame Grund
für beides, sowohl, daß ihr der Einfall so zögernd gekommen, als auch dafür, daß das
entsprechende Traumelement so unbestimmt ausgefallen ist. Blicken Sie hier auf das Verhältnis
des Traumelements zu seinem Unbewußten. Es ist wie ein Stückchen dieses Unbewußten, wie
eine Anspielung darauf; durch seine Isolierung ist es ganz unverständlich geworden.«
[206] Vgl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine Abhandlung über den
»psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit« in der Monatsschrift für Psychiatrie und
Neurologie (1898 b) – (wurde dann das I. Kapitel der Psychopathologie des Alltagslebens,
1901 b).
[207] Solche Korrekturen im Gebrauche fremder Sprachen sind in Träumen nicht selten, werden
aber häufiger fremden Personen zugeschoben. Maury (1878, 143) träumte einmal zur Zeit, da er
Englisch lernte, daß er einer anderen Person die Mitteilung, er habe sie gestern besucht, mit den
Worten machte: I called for you yesterday. Der andere erwiderte richtig: Es heißt: I called on you
yesterday.
[208] E. Jones beschreibt den analogen, häufig vorkommenden Fall, daß während der Analyse
eines Traums ein zweiter derselben Nacht erinnert wird, der bis dahin vergessen war, ja nicht
einmal vermutet wurde.
[209] Träume, die in den ersten Kindheitsjahren vorgefallen sind und sich nicht selten in voller
sinnlicher Frische durch Dezennien im Gedächtnis erhalten haben, gelangen fast immer zu einer
großen Bedeutung für das Verständnis der Entwicklung und der Neurose des Träumers. Ihre
Analyse schützt den Arzt gegen Irrtümer und Unsicherheiten, die ihn auch theoretisch verwirren
könnten.
[210] Ich bin erst später darauf aufmerksam gemacht worden, daß Ed. v. Hartmann in diesem
psychologisch bedeutsamen Punkte die nämliche Anschauung vertritt: »Gelegentlich der
Erörterung der Rolle des Unbewußten im künstlerischen Schaffen (1890, Bd. 1, Abschnitt B,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin