Page - 2655 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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[227] Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von Liebeault, des Erweckers der
hypnotischen Forschung in unseren Tagen (1889).
[228] Ist dies die einzige Funktion, die wir dem Traume zugestehen können? Ich kenne keine
andere. A. Maeder hat zwar den Versuch gemacht, andere, »sekundäre« Funktionen für den
Traum in Anspruch zu nehmen. Er ging von der richtigen Beobachtung aus, daß manche Träume
Lösungsversuche von Konflikten enthalten, die späterhin wirklich durchgeführt werden, sich also
wie Vorübungen zu »Wachtätigkeiten verhalten. Er brachte darum das Träumen in Parallele zu
dem Spielen der Tiere und der Kinder, welches als vorübende Betätigung mitgebrachter Instinkte
und als Vorbereitung für späteres ernsthaftes Tun aufzufassen ist, und stellte eine fonction
ludique des Träumens auf. Kurze Zeit vor Maeder war die »vorausdenkende« Funktion des
Traumes auch von Alf. Adler betont worden. (In einer von mir 1905 veröffentlichten Analyse
wurde ein als Vorsatz aufzufassender Traum jede Nacht bis zu seiner Ausführung wiederholt.)
Allein eine leichte Überlegung muß uns lehren, daß diese »sekundäre« Funktion des Traumes im
Rahmen einer Traumdeutung keine Anerkennung verdient. Das Vorausdenken, Fassen von
Vorsätzen, Entwerfen von Lösungsversuchen, die dann eventuell im Wachleben verwirklicht
werden können, dies und viel anderes sind Leistungen der unbewußten und vorbewußten
Tätigkeit des Geistes, welche sich als »Tagesrest« in den Schlafzustand fortsetzen und dann mit
einem unbewußten Wunsch (siehe S. 525 ff.) zur Traumbildung zusammentreten kann. Die
vorausdenkende Funktion des Traumes ist also vielmehr eine Funktion des vorbewußten
Wachdenkens, deren Ergebnis uns durch die Analyse der Träume oder auch anderer Phänomene
verraten werden kann. Nachdem man so lange den Traum mit seinem manifesten Inhalt
zusammenfallen ließ, muß man sich jetzt auch davor hüten, den Traum mit den latenten
Traumgedanken zu verwechseln.
[229] »Ein zweites, weit wichtigeres und tiefer reichendes Moment, welches der Laie gleichfalls
vernachlässigt, ist das folgende. Eine Wunscherfüllung müßte gewiß Lust bringen, aber es fragt
sich auch, wem? Natürlich dem, der den Wunsch hat. Vom Träumer ist uns aber bekannt, daß er
zu seinen Wünschen ein ganz besonderes Verhältnis unterhält. Er verwirft sie, zensuriert sie,
kurz, er mag sie nicht. Eine Erfüllung derselben kann ihm also keine Lust bringen, sondern nur
das Gegenteil davon. Die Erfahrung zeigt dann, daß dieses Gegenteil, was noch zu erklären ist, in
der Form der Angst auftritt. Der Träumer kann also in seinem Verhältnis zu seinen
Traumwünschen nur einer Summation von zwei Personen gleichgestellt werden, die doch durch
eine starke Gemeinsamkeit verbunden sind. Anstatt aller weiteren Ausführungen biete ich Ihnen
ein bekanntes Märchen, in welchem Sie die nämlichen Beziehungen wiederfinden werden: Eine
gute Fee verspricht einem armen Menschenpaar, Mann und Frau, die Erfüllung ihrer drei ersten
Wünsche. Sie sind selig und nehmen sich vor, diese drei Wünsche sorgfältig auszuwählen. Die
Frau läßt sich aber durch den Duft von Bratwürstchen aus der nächsten Hütte verleiten, sich ein
solches Paar Würstchen herzuwünschen. Flugs sind sie auch da; das ist die erste
Wunscherfüllung. Nun wird der Mann böse und wünscht in seiner Erbitterung, daß die Würste
der Frau an der Nase hängen mögen. Das vollzieht sich auch, und die Würste sind von ihrem
neuen Standort nicht wegzubringen; das ist nun die zweite Wunscherfüllung, aber der Wunsch ist
der des Mannes; der Frau ist diese Wunscherfüllung sehr unangenehm. Sie wissen, wie es im
Märchen weitergeht. Da die beiden im Grunde doch eines sind, Mann und Frau, muß der dritte
Wunsch lauten, daß die Würstchen von der Nase der Frau weggehen mögen. Wir könnten dieses
Märchen noch mehrmals in anderem Zusammenhange verwerten; hier diene es uns nur als
Illustration der Möglichkeit, daß die Wunscherfüllung des einen zur Unlust für den anderen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Title
- Schriften von Sigmund Freud
- Subtitle
- (1856–1939)
- Author
- Sigmund Freud
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- Size
- 21.6 x 28.0 cm
- Pages
- 2789
- Keywords
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Categories
- Geisteswissenschaften
- Medizin