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mit rechtsextremen Ideen bekannt gemacht, anderseits sollen öffentliche Kontrover-
sen mit konspirativen Thesen weiter befeuert werden. Außerdem streut die extreme
Rechte dabei gewaltverherrlichende und -relativierende Text-Bild-Kombinationen
(Memes), die zuvor auf Imageboards wie 4Chan erstellt und bearbeitet wurden. Ge-
rade durch die Instrumentalisierung der Meme-Kultur verharmlost sich die extreme
Rechte selbst, da viele Äußerungen nicht ernst gemeint erscheinen, auch wenn sie
zum Beispiel rassistische Züge tragen. Memes werden verwendet, um insbesondere
ein jüngeres Publikum anzusprechen und rechtsterroristische Gewalt zu banalisieren
oder gar zu glorifizieren.
DIGITALE SELBSTINSZENIERUNGEN RECHTSTERRORISTISCHER TÄTER
Im Zuge der Digitalisierung hat sich nicht nur eine globale Subkultur des militanten
Rechtsextremismus gebildet, die zu Gewalthandlungen aufruft und rechtsterroristi-
sche Täter verehrt. Anschläge wie die von Christchurch oder Halle zeigen vielmehr
auch, wie die Täter selbst die medialen Verbreitungslogiken ihrer Subkultur bereits in
die Planung ihrer Taten aufnehmen, sie inszenieren und medial verbreiten. Der Täter
von Halle filmte, ebenso wie der Täter von Christchurch, seine Tat und nutzte Strea-
ming-Medien zu ihrer Verbreitung in Echtzeit. Zuvor hatten beide Täter Bekenner-
schreiben in englischer Sprache im Internet hochgeladen. Diese enthielten viele Remi-
niszenzen an einschlägige Chan-Gemeinschaften und zeigten, dass sie sich als Teil eines
transnationalen virtuellen Netzwerks aus Anhängern weißer Überlegenheitsideologi-
en verstanden.
Mit solchen digitalen Inszenierungen sprechen die Täter bewusst ein transnationales
Publikum an, wobei sie deren ideologische Versatzstücke so formulieren, dass sie los-
gelöst von nationalen (Sprach-)Grenzen für die Rezipienten verständlich sind. Gerade
diese digital vermittelte Form des Rechtsterrorismus lässt sich ohne transnationale
Kontexte nicht mehr verstehen.
HERAUSFORDERUNGEN UND VORSCHLÄGE
Die Bekämpfung des Rechtsextremismus, des Rechtsterrorismus und des ihm zugrun-
deliegenden Rassismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Maßnahmen zur
Demokratieförderung auf kommunaler, Länder- und Bundesebene müssen hierbei
zusammenwirken. Schulen, Kommunalparlamente, Vereine und Verbände müssen
mehr und nachhaltig – beispielsweise durch eine gesetzliche Grundlage – Mittel an
die Hand gegeben werden, damit sie eine angemessene Auseinandersetzung mit dem
Rechtsextremismus führen und ausreichende Aufklärungs- und Fürsorgeangebote
zur Verfügung stellen können. Auch Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und
Medien sind gefordert (→ Dilmaghani et al. 2020). Daneben sind regulative und
sanktionierende Maßnahmen vonseiten des Staates nötig. Rechtsterroristen
nutzen mediale Ver-
breitungslogiken zur
Selbstinszenierung
Bekämpfung von
Rechtsextremismus
und -terrorismus als
gesamtgesellschaftli-
che Aufgabe 5
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friedensgutachten / 2020
Friedensgutachten 2020
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Title
- Friedensgutachten 2020
- Subtitle
- Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5381-0
- Size
- 21.0 x 28.5 cm
- Pages
- 162
- Keywords
- Frieden, Bewaffnete Konflikte, Sicherheit, Internationale Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Krieg, Gewalt, Politik, Konfliktforschung, Globalisierung, Politikwissenschaft
- Category
- Recht und Politik