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33 Erkenntnisinteresses mit der eigenen Lebensgeschichte transparent zu machen:
„Die personalen, lebensgeschichtlichen Voraussetzungen der Subjekte von
Erkenntnisprozessen — das Einzigartige, höchst Private, das Intime — stehen
gewissermaßen am anderen Pol [...].“ (Breuer 2010: 119). Franz Breuer ist fach-
lich in der Psychologie zu Hause, mit der Grounded Theory haben er und ein
paar wenige Kolleg_innen eine methodologische Nische in der psychologi-
schen Wissenschaftslandschaft Deutschlands besiedelt. Angesichts der eta-
blierten messenden und experimentierenden Methoden wird die Anwendung
der Grounded Theory speziell in der Psychologie immer wieder als Trope
betrachtet. Dabei wird — ganz im Gegensatz zu den vornehmlich objektivisti-
schen Methodenschulen, in denen oberstes Gebot ist, die eigene Subjektivität
möglichst zu ignorieren — bei der Reflexiven Grounded Theory auf die Sicht-
barmachung des forschenden Subjekts gesetzt. Die Bedeutung aller beteiligten
Menschen im Feld, ihrer Interaktionen und ihrer Präkonzepte rückt ins Zen-
trum, was wiederum die Möglichkeiten der kreativen Entdeckung von Theori-
en erhöht. Trotz der unterschiedlichen Entwicklungsstränge eint Charmaz
und Breuer ihre grundsätzlich konstruktivistische Haltung, wodurch die inte-
grativen Möglichkeiten der Grounded Theory fernab einer Entweder-oder-
Rhetorik ausgeschöpft werden können.
1.4 FORSCHUNGSFELD — FORSCHENDES LERNEN
„Was aber ist, wenn die Universität in ihrem lehrenden Tun dafür
keinen Raum mehr bietet, Forschung von den jungen Köpfen fernhält
und diese nur noch mit dem vermeintlich Notwendigen, einem Wissen,
das sich an seiner Warenform orientiert, stopft?“ (Mittelstraß 2008: 17)
Eine mögliche Antwort auf die Frage, die Jürgen Mittelstraß mit Blick auf
deutsche Universitäten am Beginn des 21. Jahrhunderts aufwirft, findet sich
im Brasilien der 1970er-Jahre bei Paulo Freire. Mit dem Bankierskonzept der
Erziehung (Freire 1978) umschreibt Freire, wie lernende Menschen in diversen
Bildungszusammenhängen als leblose Behälter behandelt werden, die ledig-
lich mit vorhandenem Wissen zu fĂĽllen seien. Dieses Wissen in Warenform
stehe, so Freire, meistens nicht in Bezug zu den Menschen, in die es eingela-
gert werde. Weder die Menschen noch das Wissen könnten dabei wachsen.
In einem solchen, ökonomisch ausgerichteten Bildungssystem „leugnet man,
daß Erziehung und Erkenntnis Forschungsprozesse sind.“ (ebd.: 58). Folge
auch die Universität dem Bankierskonzept, indem sie Bildung im Sinne von
Wissensvermittlung nach Verwertungslogik betreibt, werde sie, so MittelstraĂź,
ihr Wesen verlieren, „das in einer autonomen Organisation von Forschung
und Lehre“ bestehe und einen Bildungsbegriff voraussetze, „der die moderne
Welt, die selbst ein wissenschaftliches Wesen besitzt, spiegelt und ihr zugleich
ein kritisches Selbstbewusstsein verschafft.“ (Mittelstraß 2008: 13). Ein
mögliches Rezept zur Bewahrung des Wesens der Universität, das gegen die
zunehmende Verbreitung des Bankierskonzepts an deutschen Universitäten
wirken sollte, wurde bereits 1970 vom „Hochschuldidaktischen Ausschuss der
Bundesassistentenkonferenz“ (BAK) präsentiert (Bundesassistentenkonferenz
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Title
- Generative Bildarbeit
- Subtitle
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Author
- Vera Brandner
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 276
- Keywords
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Category
- Medien