Page - 122 - in Generative Bildarbeit - Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
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Teilnehmer_innen, individuell in ihrem Alltag zu fotografieren (F). Der Impuls,
den sie erhalten haben, dient ihnen dabei als Anregung bzw. als Orientierungs-
rahmen. Im Bilddialog (BD) kommen alle Teilnehmer_innen wieder zusammen
und bringen ihre Fotos in den Gruppenprozess ein. Als Betrachter_innen lesen
und interpretieren sie die Fotos, die ihnen von den jeweils Anderen gezeigt
werden. Als Fotograf_innen hören sie vorerst zu und erst später erzählen sie
von ihren Intentionen beim Fotografieren und Auswählen ihrer Fotos. Nachdem
die Teilnehmer_innen zumindest zweimal fotografiert und ihre Bilder in den
Bild
dialog eingebracht haben, können mithilfe eines Mappings (M) generative
Bilder (gB) und Themen (gT) herausgearbeitet werden. Die jeweils Moderie-
renden können den Prozess auf verschiedenen Ebenen leiten und beeinflussen.
Es liegt in ihrer Verantwortung, fĂĽr ein prozessorientiertes Miteinander zu
sorgen, die Partizipationsmöglichkeiten aller Beteiligten zu unterstützen,
Spannungen und Differenzen in der Gruppe zur Sprache zu bringen und sie
als Teil des Prozesses zu bearbeiten.
Element 1 Impuls (I)
Dem Erkenntnisinteresse im jeweiligen Gruppenkontext entsprechend kann
die Impulssetzung thematisch konkret oder auch offen angelegt sein. Ist der
Prozess thematisch offen angelegt, wirken die Teilnehmer_innen aktiv bei der
Themenwahl mit, was meist zu einem sehr weiten und wenig kontrollierten
Themenspektrum fĂĽhrt. Besteht hingegen im Prozess ein konkreter themati-
scher Rahmen, kann der Impuls zur Fokussierung auf das Thema entspre-
chend gesetzt werden. Die Gestaltung der Impulssetzung ist jedenfalls als ent-
scheidender Akt für das Gesamtprojekt zu betrachten. Ähnlich wie bei der
Gestaltung von Leitfragen fĂĽr qualitative Interviews oder Gruppendiskussionen
handelt es sich hier um einen Balanceakt zwischen Offenheit und Steuerung.
Auch wenn es bei einem Projekt sehr klare Zielvorstellungen gibt, sollten
diese die freie Entfaltung der Teilnehmer_innen nicht verhindern. So besteht
nach Ralf Bohnsack ein methodologisches Grundprinzip der Gruppendiskus-
sion darin, dass „der Forscher Bedingungen ermöglichen muss, damit sich
der Fall, hier also die Gruppe, in seiner Eigenstrukturiertheit prozesshaft ent-
falten kann.“ (2012: 380). Bei der Impulssetzung gilt es weniger, Vorgaben
zu machen, als Möglichkeiten zu eröffnen und einen Orientierungsrahmen
festzulegen.
FĂĽr diese Gestaltung einer Impulssetzung als Orientierungsrahmen
finden sich beispielhafte Hinweise in den AusfĂĽhrungen von Robert Merton
(1956) zum Aufbau fokussierter Interviews. Bei dieser Interviewform wird den
Interviewpartner_innen vor dem Interview ein Stimulus gegeben, um in der
Folge ĂĽber ihre Assoziationen und Gedanken zu diesem Stimulus zu sprechen.
Dieser Stimulus kann in Form von Bildern, Texten, Filmen, gemeinsamen
Erlebnissen etc. erfolgen. Ziel dabei ist es, „die Themenreichweite zu maxi-
mieren und den Befragten die Chance zu geben, auch nicht antizipierte
Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen.“ (Hopf 2012: 354). Auch in Beschrei-
bungen und Anleitungen fĂĽr narrative Interviews (SchĂĽtze 1976) findet man
Anregungen und Hinweise zur Gestaltung der Impulssetzung. Hier lässt sich
die Erzählaufforderung (Fischer-Rosenthal/Rosenthal 1997: 414ff.) mit dem
Impuls bei der Generativen Bildarbeit vergleichen. Im Bereich der fotografisch-
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Title
- Generative Bildarbeit
- Subtitle
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Author
- Vera Brandner
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 276
- Keywords
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Category
- Medien