Page - 131 - in Generative Bildarbeit - Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
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131 Element 3 Bilddialog
Im Bilddialog kommen alle Teilnehmer_innen wieder zusammen und bringen
jeweils eine Auswahl ihrer Fotos in den Gruppenprozess ein. Im Gruppen-
prozess findet die Reflexion über das statt, was die Bilder zu sehen geben,
aber auch über die Erfahrungen, die die Teilnehmer_innen beim Fotografieren
gesammelt haben. Der Bilddialog kann als zentrales Element Generativer
Bildarbeit betrachtet werden — dabei werden die Bilder der Beteiligten sicht-
bar, sie werden gegenseitig gelesen; Fotograf_innen werden zu Betrachter_
innen und umgekehrt. Die Einzelnen setzen sich mit ihren Bildern zu einem
gewissen Maß der Gruppe aus. Es handelt sich hierbei um einen Moment des
Zeigens, und damit der Selbstoffenbarung. Jede_r Teilnehmer_in hat so die
Gelegenheit, zu erfahren, was die Anderen denken, und beim gemeinsamen
Betrachten auch in den eigenen Bildern Details zu entdecken, die er_sie bisher
nicht gesehen hatte. Für die Nutzbarmachung der Generativen Bildarbeit in
Situationen kultureller Differenz ist es von Bedeutung, dass sich in diesem
Prozess alle Beteiligten gleichermaßen als Forschende begreifen und in per-
manentem Rollentausch als Fotograf_in und Betrachter_in den Gruppenpro-
zess gestalten. Die Betrachter_innen lesen und interpretieren die Fotos, die
ihnen von den Fotograf_innen gezeigt werden. Die Fotograf_innen hören vor-
erst zu und erzählen erst später von den Intentionen und Absichten, die sie
beim Fotografieren und Auswählen ihrer Fotos geleitet haben. Die Beteiligten
werden dabei aufgefordert, sich die Bilder der Anderen über mehrere Minuten
intensiv anzuschauen, was Ariella Azoulay wie folgt beshreibt:
“One needs to stop looking at the photograph and instead start watch-
ing it. The verb ‘to watch’ is usually used for regarding phenomena or
moving pictures. It entails dimensions of time and movement that need
to be reinscribed in the interpretation of the still photographic image.”
(2008: 14)
Das intensive Anschauen steht im Gegensatz zum Umgang mit alltäglichen
Bilderfluten und regt die Beteiligten dazu an, nicht nur das Offensichtliche zu
erkennen, sondern ein Stück weit unter die Oberfläche der Bilder zu dringen,
die Bilder auf unterschiedliche Weise zu befragen. Im permanenten Abgleich
von Selbst- und Fremdwahrnehmung stellt das Lesen und Hinterfragen der
Alltagsfotos den wichtigsten Wirkungsaspekt im Bilddialog dar, wobei es
nicht um die Gleichschaltung von Eigen- und Fremdbild geht, sondern um
einen konstruktiven Umgang mit den Differenzen, die sich in diesem Prozess
ergeben. Im Bilddialog wird die intensive Auseinandersetzung mit dem Eigenen
und dem Anderen und damit die Erfahrbarkeit von Selbst- und Fremdwahr-
nehmung angestrebt. Je nachdem, welchen Umgang die Teilnehmer_innen
mit Bildern gewohnt sind, wenden sie verschiedene Lesarten an, die von
assoziativ über analytisch bis hin zu emotional geleitet sein können.
Kollektive Raumgestaltung Die Gestaltung des Raumes, in dem das Grup-
pentreffen stattfindet, kann gemeinsam vorgenommen werden. Dabei gilt es,
die Teilnehmer_innen dafür zu sensibilisieren, dass je nach Raumgestaltung,
Beleuchtung, Bildposition im Raum und Zugänglichkeit der Bildpräsentationen
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Title
- Generative Bildarbeit
- Subtitle
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Author
- Vera Brandner
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 276
- Keywords
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Category
- Medien