Page - 147 - in Generative Bildarbeit - Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
Image of the Page - 147 -
Text of the Page - 147 -
147 falls an der Anschlagtafel einer Bank prÀsentiert werde (ebd.: 16). Ein weiteres
Problem bei der Verwendung von ZustimmungserklÀrungen ergibt sich, wenn
Menschen ein Formular vorgelegt wird, das sie nicht lesen können, weil sie
Analphabet_innen sind. Möglicherweise unterschreiben sie irgendwie, um
nicht als Analphabet_innen erkannt zu werden. FĂŒr solche Situationen können
die ZustimmungserklÀrungen auch mit Bildern gestaltet werden (ebd.: 18). Die
Handhabung solcher Formulare ist fĂŒr die Teilnehmer_innen in den meisten
FĂ€llen umstĂ€ndlich und wird von ihnen als HĂŒrde beim Fotografieren wahr-
genommen. Deshalb haben wir bei ipsum-Projekten bislang darauf verzichtet,
den Teilnehmer_innen ZustimmungserklĂ€rungen fĂŒr Menschen, die sie
fotografieren wollen, mitzugeben. In Einheiten zum sensiblen Umgang mit
Menschen beim Fotografieren werden jedoch verschiedene Möglichkeiten
und Verhaltensweisen diskutiert und es wird jedenfalls empfohlen, zuerst
die mĂŒndliche Zustimmung der Personen einzuholen, die man fotografieren
möchte. Die Leitfrage in diesen Workshopeinheiten lautet: Wie geht es dir,
wenn du fotografiert wirst? Was ist angenehm/unangenehm fĂŒr dich? In wel-
chen Situationen fĂŒhlst du dich als Fotomotiv wohl/unwohl? Diese Fragen
werden anhand von persönlichen Erfahrungen und Fallbeispielen diskutiert
und mit Rollenspielen und gegenseitigem Fotografieren im Workshop erfahr-
bar gemacht. Letztlich liegt jedoch die Verantwortung darĂŒber, wie die Teil-
nehmer_innen im konkreten Fall beim individuellen Fotografieren verfahren,
bei ihnen selbst. Eine lÀngere, intensive Zusammenarbeit im Projekt ermög-
licht jedenfalls, SensibilitÀt und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und die
Entscheidung ĂŒber ethische Fragen dem jeweiligen Kontext entsprechend
gemeinsam auszuhandeln. Ein Beispiel dafĂŒr gibt Andrew Clark anhand eines
Forschungsprojekts im Bereich Stadtforschung (Emmel/Clark 2009). Bei
diesem Projekt haben Forscher_innen und Teilnehmer_innen gleichermaĂen
fotografiert und die Fotos mithilfe von Elizitationsmethoden besprochen.
Das prozesshafte Vorgehen beschreibt Clark folgendermaĂen:
âAs a research team we accepted that we did not have all the âright
answersâ upfront, but rather recognized, to use Usherâs (2000) phrase,
our âethical anxietiesâ as fruitful ways of facilitating dialogue drawing
upon recognised ethical conventions for guidance. Rather than adopt-
ing universalist principles, we pursued a more iterative and flexible eth-
ical approach that was adaptive to and situated within specific contexts.
This included engaging in dialogue with participants about what
would make our research ethically appropriate for them as well as us.â
(Clark 2012: 26)
Es wurde hierbei ĂŒber lĂ€ngere Zeit hinweg immer wieder mit denselben
Teilnehmer_innen gearbeitet, wodurch, im Vergleich zu einmaligen Settings,
eine intensivere Beziehung und somit eine stÀrkere Vertrauensbasis zwischen
Forscher_innen und Teilnehmer_innen aufgebaut werden konnte. Zu Beginn
wurden die Teilnehmer_innen durch GesprÀche von den Projektinhalten
informiert, ihre Zustimmung wurde vorerst mĂŒndlich eingeholt. Im Verlauf
des Projekts kamen immer wieder Fragen zu Verwendungsrechten und
der Veröffentlichung zur Sprache. Die Teilnehmer_innen hatten dabei die
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Title
- Generative Bildarbeit
- Subtitle
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Author
- Vera Brandner
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 276
- Keywords
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, SituationalitÀt, ReflexivitÀt
- Category
- Medien