Page - 155 - in Generative Bildarbeit - Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
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155 “The difficulty I faced when doing this assignment was that my friends
refused to be in the photographs as that would mean that they had to
pretend to have AIDS (the thought of that seemed to horrify them!!!).”
(ebd.: 83)
Stuart beschreibt mit diesem Beispiel, wie die Befürchtungen und Ängste
von Teilnehmer_innen zu Hindernissen beim Arbeiten mit visuellem Material
werden können. Sie führt jedoch weiter aus, dass gerade die Konfrontation
und Auseinandersetzung mit solchen Ängsten den persönlichen Lern-
und Forschungsprozess der Teilnehmer_innen positiv beeinflussen können.
Durch die Herausforderung, zum Thema Aids zu fotografieren, wurde die
Angst vor einer Stigmatisierung und deren Folgen zumindest ein Stück weit
erfahrbar und dadurch besser begreifbar (ebd.: 84).
“Doing so leads to embodied experience of rejection for producers
and a deeper understanding of the effects of social stigma. The ethical
dilemmas forced a realization of the power of the stigma related to
AIDS and this realization is capable of promoting more compassionate
and sensitive engagement.” (ebd.)
Die zukünftigen Lehrer_innen haben sich in diesem Projekt nicht nur über
Aspekte von Aids ausgetauscht und darüber gelesen. Die interaktiven Settings
und die performative Dimension, die sich beim Fotografieren zum Thema
ergab, ermöglichten ihnen, für kurze Momente die Ängste nachzuvollziehen,
die das Leben von Menschen mit HIV/Aids bestimmen. Die Forscher_innen
wiederum konnten durch den Umgang der Teilnehmer_innen mit der Angst
vor Stigmatisierung wichtige Erkenntnisse zum Thema gewinnen
(Mitchell 2011: 27).
Beispiel 3 In einem ipsum-Projekt in Kabul haben wir getrennt mit einer
Männergruppe und einer Frauengruppe gearbeitet. Unsere Begründung war,
dass diese Trennung von Männern und Frauen auch den Alltag der Menschen
bestimmte und dass, wenn wir unseren Workshop danach ausrichteten, die
Möglichkeit zur freien Entfaltung und Meinungsäußerung von den Teilneh-
mer_innen besser genutzt werden könne. Als Projektleiter_innen gingen wir
mit der Annahme ins Projekt, dass es die Männer aufgrund der patriarchalen
Gesellschaftsstrukturen in Afghanistan weitaus einfacher haben würden,
die Fotografie in ihrem Alltag anzuwenden. Nachdem die Teilnehmer_innen
ihre ersten Erfahrungen beim Fotografieren gemacht hatten und mit großer
Offenheit wichtige Themen in ihrem Alltag aufspürten, wurde in den jeweili-
gen Gruppen über diese Erfahrungen reflektiert. Beide Gruppen, Männer wie
Frauen, erzählten, dass sie nicht überall fotografieren konnten. Die Männer
erklärten, dass sie im privaten Umfeld nicht fotografieren dürften, weil sie
dort von den Frauen ihrer Familie umgeben seien und es nicht üblich sei,
Frauen in ihrem (d.h. dem häuslichen Bereich) zu fotografieren. Die Frauen
problematisierten umgekehrt, dass sie nicht in der Öffentlichkeit fotografieren
könnten, weil es für Frauen nicht angemessen bzw. sicher sei, allein in die
Öffentlichkeit zu gehen und dabei auch noch zu fotografieren. Die Männer
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Title
- Generative Bildarbeit
- Subtitle
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Author
- Vera Brandner
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 276
- Keywords
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Category
- Medien