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im Gegensatz zu Verfahren, in denen Fotografien als Evidenz erzeugende
bzw. rein abbildende Medien eingesetzt werden. Dieser Anspruch an die Foto-
grafie findet sich nach wie vor besonders dann, wenn Rolle und Funktion
der Fotografie sowie der herstellende Charakter in Bezug auf Wirklichkeits-
darstellungen nicht reflektiert werden. Das sei, so Abel und Deppner, besonders
in den Naturwissenschaften ĂĽblich, wenn Fotografie vorrangig als Werkzeug
zum Erkenntnisgewinn und als Beweismittel in der Wissenschaftskommuni-
kation verwendet wird, ohne dass dabei die Entstehungs- und Verwendungs-
zusammenhänge von Fotos kritisch hinterfragt werden (2013: 12). Unordnung
und Undiszipliniertheit als grundlegende Eigenschaften fotografischer Ver-
fahren, wie sie Barthes (1985) und Mitchell (2003) beschreiben, werden in
solchen Zusammenhängen nicht erkannt bzw. anerkannt. In Abgrenzung
dazu heben Abel und Deppner den wissenschaftlichen Umgang mit Fotografie
in den Sozial- und Geschichtswissenschaften hervor, wo es vor allem darum
gehe, die Bedeutung von Fotografie in Hinblick auf alltags- und wissen-
schaftskulturelle Transformationsprozesse zu beleuchten. Es wird ein weites
Erkenntnisfeld eröffnet, das durch den Fokus auf die Wechselwirkung von
fotografisch-visueller Praxis und Theorie und durch einen reflektierten Umgang
mit Fotografie, Visualität und Bildlichkeit hervorgebracht wird. Fotografische
Bilder werden hier als mehrdimensionale Ereignisse betrachtet und können
als undisziplinierte Medien zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen
vermitteln und zugleich erforscht werden (2013: 10). Die undisziplinierte
Fotografie kann vor allem auch als Teil von Forschungskonzepten und Metho-
dologien nutzbar gemacht werden, wie es zur Beschreibung gesellschaftlicher
Phänomene in den Sozialwissenschaften seit den 1970er-Jahren vermehrt
der Fall ist.
Was sich im Rahmen der multiplen Fallstudie herausgestellt hat, fĂĽhrt
jedoch ĂĽber das Beschreiben sozialer Wirklichkeit mittels Fotografie hinaus.
Fotografie kann im Rahmen Generativer Bildarbeit als Lern- und Forschungs-
medium fĂĽr transformative Forschung dienen, es kann Wissenschaft mit,
durch und im fotografischen Spannungsfeld betrieben werden. Fotografische
Praxis kann als gemeinsamer Denkraum nicht nur zwischen geisteswissen-
schaftlicher Fotografieforschung und konzeptionell-gestalterischer Fotopraxis
(ebd.: 16) betrachtet werden, sie kann vor allem auch zwischen der kultur- und
der naturwissenschaftlichen Forschung das gemeinsame Denken und Han-
deln fördern, wenn es (wie bei der Nachhaltigkeits- und der Entwicklungs-
forschung) um transformative Forschungsfelder geht. Denn ein gemeinsamer
Nenner bzw. eine gemeinsame Herausforderung fĂĽr Natur- und Kulturwissen-
schaftler_innen, die sich in transdisziplinäre Forschungssettings begeben,
besteht darin, dass ein integrativer Zugang zum Komplex „Mensch — Gesell-
schaft — Natur“ erschlossen werden muss. Der Mensch kann nicht ohne seine
Umwelt verstanden werden, ebenso wenig lässt sich Natur losgelöst vom
Menschen erforschen und analysieren. Durch den Einsatz von Generativer
Bildarbeit kann ein solch integrativer Zugang geschaffen werden, da hier
unterschiedliche Objektivierungsweisen und Wissensordnungen mithilfe
der performativen Qualitäten fotografischer Abbildungs-, Darstellungs- und
Sinnbildungsprozesse sichtbar und verhandelbar werden.
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Title
- Generative Bildarbeit
- Subtitle
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Author
- Vera Brandner
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 276
- Keywords
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Category
- Medien