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indenMittelpunkteineseigenenForschungsunterfangenszustellen,wiees
die Trivialliteraturforschung in den 1960er und 1970er Jahren in Form
einerSozialgeschichtederLiteraturodereinerLesestoffanalyseunternahm.
Thalmann interessierte der Trivialroman einzig und allein als „Vorläufer
desromantischenRomanes“:„Wolltemanihnansichbetrachten“,wäreer,
wie Thalmann sich ausdrückt, „nur ein trüber Tümpel unterirdisch sich
regenderKräfte“. (Thalmann1923, 157)
Thalmanns teleologisch ausgerichtete Betrachtungsweise des Trivial-
romansaufden romantischenRomanwarvor allemeinUnterfangen,mit
demsiedenromantischenRomanandieSpitzedesliteraturgeschichtlichen
Epochenkanons zu setzen trachtete:
Es ist ohneBerechtigung den klassischenRoman einschränkungslos alsVor-
bild und absolute Höhe der Entwicklung anzusehen. Ich lehne daher im
RahmendieserArbeitwertendeKlassifikationfürKlassikundRomantik,seies
„reif und unreif“, wie K. Joël […] oder „vielseitig und einseitig“ wie Chr.
Touaillon[…]estut,28vollständigab.[…]Er[derklassischeRoman,E.G.] ist
nur ein Vermittler, ein Bindeglied in der Kette der Entwicklung […].
(Thalmann1923, 172)
Als Pionierin der Trivialliteraturforschung kann Thalmann also nicht
gelten.29Zwarhat sie1923denBegriff ,Trivialroman‘alsFachterminus in
dieWissenschaftsspracheeingeführt30unddiebeachtlicheAnzahlvonüber
150Unterhaltungsromanen einerwissenschaftlichenAnalyse unterzogen,
aber ihr Blick auf diese Romane war klar auf deren Bedeutung für die
romantische Literatur fokussiert. Thalmanns wissenschaftliches Interesse
bezog sich also nicht (wie das vonChristineTouaillon), obwohl dieAuf-
nahme des Begriffs ,Trivialroman‘ in denHaupttitel ihrer Arbeit das na-
helegt, auf die Erforschung eines vom zeitgenössischenWissenschaftsbe-
28 GemeintsindTouaillon:DerdeutscheFrauenromandes18.Jahrhunderts (1919);
Joël:Nietzsche unddieRomantik (1905).
29 In den einschlägigen Literaturlexika wirdThalmann als Begründerin der akade-
mischen Trivialliteraturforschung angeführt, vgl. u.a. Kellner: Trivialliteratur
(1984), S. 449.
30 Vgl.Greiner:DieEntstehungdermodernenUnterhaltungsliteratur(1964),S.16:
„Erst durchMarianne Thalmann ist der Begriff ,Trivialroman‘ zur Bezeichnung
dieses gesamten Literaturkomplexes [der Ritter-, Räuber- und Schauerromane,
E.G.] eingebürgert worden.“ – Kreuzer: Trivialliteratur als Forschungsproblem
(1967), S. 172: „DerAusdruckTrivialliteratur ist seit 1855belegt und seit 1923,
seit einer Arbeit Marianne Thalmanns über die Geheimbundromane des
18. Jahrhunderts, terminologischer Besitz der neueren deutschen Literaturge-
schichte.“Ähnlich Schulte-Sasse:Trivialliteratur (1984), S. 562.
III.Marianne Thalmann
(1888–1975)152
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher