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Dekonstruktion übrig bleibt, identifiziert sie – in Ermangelung histori-
scherQuellen – als heidnisch-germanisch.
Soweist sie zumBeispiel darauf hin, dass die in den österreichischen
Alpenländern vorkommenden Perchtenumzüge zwar eine deutliche Par-
allele zumantikenArtemis-Kult aufweisen,daes sich inbeidenFällenum
Fruchtbarkeitsrituale handle und die „Nymphen“, die Artemis begleiten,
„unserenWind-,Wald-,Vegetations- undHausgeistern“, als die die um-
herziehendenMenschen verkleidet sind, „ganz genau“entsprechen.Doch
trotzdieserÄhnlichkeit kannes sich, soWeiser,beidenPerchtenumzügen
nicht umdie christianisierteVariante des antikenArtemis-Kults handeln,
daes einenwesentlichenUnterschiedgebe: „[B]eiuns [ist]dieAnführerin
dieserDämonen,Perchta, […]keineGöttin, sondernselbstDämon[…].“
(Weiser 1923, 15–16)
Überhaupt sei Perchta „eine der schwierigsten Gestalten des germa-
nischen Volksglaubens“, weshalb die „Ansichten“ über sie auch „sehr
verschieden“seien. (Weiser1923,43)Bilfinger sah inPerchta,wieWeiser
ausführt, eine Art Ursprungsfigur des späten Mittelalters, aus der die
„GottheitenderZwölfnächte“ entstanden seien unddie sich aus der Sitte
desNeujahrstischsentwickelthabe,weshalbsie„nichtsUrgermanisches“an
sich habe, sondern als „Art Neujahrsfee“ vom Kalendenfest abstamme.
DemhältWeiserentgegen,dassderPerchtentisch(dieSitte,derPerchta in
derNacht vom6. Jänner einen gedecktenTisch hinzustellen) nicht vom
Kalendenfest abstammenkönne,da„andenrömischenKalenden[…]die
Gerichte[…]vondenMenschenverzehrtwurden“,„[b]eidenGermanen“
aber „der in der […] Perchtennacht gedeckte Tisch die Nacht über un-
berührt für unsichtbareGäste stehen bleiben“ sollte. Zumanderen argu-
mentiertWeiser anhand einer Art Abfolgemodus der Götterentstehung:
Denn Götter „entstehen zwar […] auf sehr früher religiöser Entwick-
lungsstufe aus magischen Riten, aber eine Mahlzeit ist kein magischer
Ritus, sondern einOpfer, undder Empfängermußvor derDarbringung
bestehen“.WennalsoBilfingerdiePerchtaunddenPerchtentischmitden
römischenKalendensitten gleichstellt, dann vollzieht er in der Logik der
Weiser’schenArgumentationnur eine erneute „interpretatio romana“, die
ihren Ursprung im 6. Jahrhundert bei Caesarius von Arles habe. In
Wirklichkeit handle es sich beimPerchtentisch nämlich umeinen „Geis-
tertisch der Germanen“, was neben demAusschluss der bisherigen ,fal-
schen‘ Auffassungen auch daraus ersichtlich sei, dass der Perchten- als
Geistertisch imUnterschied zuden„Kalendenschmäuse[n]“, die „ausden
Städten stammten“, eine „bäuerliche Sitte“war. (Weiser 1923, 44–45)
IV. LilyWeiser
(1898–1987)200
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher