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Aus dieser Erkenntnis konstruiert Weiser den ersten, wenn auch nicht
unmittelbar einleuchtenden Zusammenhang des Maibaums mit den
deutschenWeihnachtssitten,denn:DengleichenSegenszweig,derauchfür
die Lebensrute verwendetwerde, „findetman in derHandunsrerWeih-
nachtsgestalten, des Nikolo und seiner Angehörigen, bei den Perchten-
läufern“. (Weiser 1923, 63)Umaber tatsächlich zu einemBaum, der als
SchmuckzuWeihnachten imHausaufgestelltwird,zugelangen,bedarfes
noch einiger weiterer Wendungen. Weisers in dieser Hinsicht nächstes
Anliegenbestehtdarin,auchdieWeihnachtszweigeinDeutschlandmitder
Lebensrute, d.h. vor allem mit einem Aberglauben, in Verbindung zu
bringen. Sowohl für den städtischen als auch für den ländlichen Bereich
findet sieabdem15.JahrhundertBelege,dasszuWeihnachtendieRäume
mitZweigengeschmücktwerden,die allesamtmitdem„Glaubenaneine
guteVorbedeutung“verbunden seien.DieVermutung, dass dieseZweige
„ursprünglich nicht als leerer Festschmuck“ galten, siehtWeiser gestützt
durch die Verwendung von „seit alters heilige[n] Holzarten“, wie der
Mistel, der Eberesche und demWacholder, oder der Verwendung von
„durchWärmezumGrünenoderBlühengebrachte[n]Zweige[n]“,die„für
die Segenswirkung besonders geeignet“ erscheinen. Während das „Ent-
stehen“derMistel lautWeiserbereits„vondenkeltischenDruidenGöttern
zugeschrieben“wurde, zeige sich die Bedeutung der Eberesche in ihrem
Namen:Die Eberesche heißt imRheinischen auch noch ,quike‘ und im
Englischen ,quickbeam‘ (,quicken‘ bedeutet imMittelhochdeutschen ,le-
bendigmachen, beleben, erwecken, erfrischen‘).80 (Weiser 1923, 65–66)
Wiees aberdazukam,dass auch„derBaumals göttlichesWesen,und
nicht nur der Segenszweig, vom Landvolk insHaus geholt wird“, dafür
findetWeiser imdeutschsprachigenRaumweder eineplausibleAbleitung
noch einenBeleg. (Weiser 1923, 67)Vielmehrbehilft sie sichmit einem,
nichtweiter begründetenExkurs über „kaukasische Parallelsitten“. So er-
fährtman,dassdieTscherkessen„zugleichmitunseremWeihnachtsfestein
Fest zuEhrendes Sozeris“, „desBeschützer[s] desAckerbaus, der Familie
unddesWohlstandes“, feiern,unddass siedafür„alsAbbilddiesesGottes“
einenHolzstammmit sieben,mitLichtern geschmücktenÄsten imHaus
aufstellen. Das Ritual, das die Ernte des kommenden Jahrs sichern soll,
besteheaus einemGebetundeiner „ArtTanzumdenBaum“.Dassdieses
RitualdemdesMaifestsähnlichist,undvorallemdassdie„Segenswirkung,
dieman sich vondiesem alsGott verehrtenBaumerwartet“, „genau die-
80 Vgl.Lexer:MittelhochdeutschesHandwörterbuch.Bd.2(1876),Sp.325;Müller
(Hg.): RheinischesWörterbuch.Bd. 6 (1944), S. 1342.
IV.2. Volkskunde existiert nur als Germanenkunde 203
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher