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an“, und das „bewußt geübte Vernachlässigen des Körpers ist eine weit-
verbreiteteÜbung zurHerbeiführung ekstatischer Zustände“.Damit hat
manes „bei denChattenmit einemRestehöchst altertümlicherReligions-
formzu tun“, bei der die „Zugehörigkeit zur anderenWelt […] auf eksta-
tischemWege[…]angestrebtwurde“.MitdiesenErläuterungenhatWeiser
alleZutatenzusammen,umfestzustellen,dass„[a]usdemGesagten[…]klar
[wird], daßdieChatten eine Jünglings-undMännerweihebesessenhaben,
die wie die ausgebildeteWeihe drei Teile umfaßt“ – erstens: Trennung,
Wachsenlassen der Haare; zweitens: Verharren imVerwilderungszustand,
Lehr- und Probezeit im Krieg; drittens: Haar- und Bartscheren als An-
gliederung andie vollberechtigtenMänner. (Weiser 1927, 36)
Damit aber nicht genug. FürWeisermachen ihre eigenenKonstruk-
tionenundHypothesen schließlichaußerdemnoch„denEindruck, als ob
es sichbei den lebenslänglichenKriegernumeinenMännerbundhandle,
der, wie von den nichtzivilisierten Völkern her bekannt ist, die Jüng-
lingsweihe ausführte“. Genauer: Der „Bericht des Tacitus“ sei so aufzu-
fassen, dass das Volk derChatten „einen kriegerischenMännerbundmit
religiöser Grundlage besaß, der die Jünglings- und Männerweihe und
damit die Ausbildung der Jünglinge zu volltauglichen Staatsbürgern
übernahm“. IndieserLogikmachtWeiser einzigdie „religiöseBedeutung
desChattenbundes“ Sorgen, die in derGermania „nicht so ganz offen zu
Tage“trittwieangeblichallesandere,dieanhandderMärchen„aber leicht
erschlossenwerden“ konnte. (Weiser 1927, 38)
Ähnlich gehtWeisermit dem43.Kapitel vonTacitus’ Schrift um, in
dem er über dieHarier schreibt, dass sie wild und starkwaren, schwarze
Schilder besaßen, ihreKörper bemalten, nur in derNacht kämpftenund
„durch das unheimliche düstere Aussehen ihres Totenheeres Schrecken“
erregten.103 Weisers Interpretation ist folgende: Beim nächtlichen, kör-
perbemalten „Auftreten derHarier“ handelt es sich „nicht um eine ein-
maligeKriegslist, sondernumeinen feststehendenBrauch“,wonach„ihm
eine Vereinbarung zu Grunde“ liegt, „eine Art Verpflichtung oder Ver-
löbnis“,das „sowohluntereinander“als auch„gegenüberdenMächtender
103 Der lat. Text lautet: „CeterumHarii super vires, quibus enumeratos paulo ante
populos antecedunt, truces insitae feritati arte ac tempore lenocinantur: nigra
scuta, tinctacorpora;atrasadproelianoctes leguntipsaqueformidineatqueumbra
feralis exercitus terrorem inferunt […].“ Schwyzer/Schweizer-Sidler: Tacitus’
Germania (1923), S. 96–97. – Karl Müllenhoff erklärte „feralis exercitus“ als
„Gespensterheer“; Fehrle bezog „feralis exercitus“auf „terrorem“, übersetzte also:
„wiewennsieeinTotenheerwären“.Weiser:AltgermanischeJünglingsweihenund
Männerbünde (1927), S. 39 (Anm. 28).
IV.3. Archaische Potenzfeiern als Ursprung der deutschenKultur 213
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher