Page - 220 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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dologen Georg Bühler, promovierte 1882 und wurde 1892 zum ersten
PrivatdozentenderEthnographie inWienernannt.Ergründetegemeinsam
mitWilhelmHein, seinemKollegen an der ethnographischenAbteilung
desNaturhistorischenMuseums,1894 inWiendenVerein fürVolkskunde
und1895dasMuseum fürVolkskunde, gleichzeitig gab er dieZeitschrift
für österreichische Volkskunde heraus.Haberlandts Auffassung von ethno-
graphischer Wissenschaft bestand in der „vergleichende[n] Erforschung
undDarstellungdesVolksthumsinÖsterreich“,wobeier„[e]rsteresdurch
dieMittel undMethodenderWissenschaft“und„letzteres […]durchdie
BergungundAufsammlung in einemMuseum“zu erreichen trachtete.127
Das bedeutet zum einen, dass diese volkskundliche Richtung die einzige
war, die auch tatsächlich Feldforschung betrieb, d.h. in den österreichi-
schenKronländern und ab 1918 in den österreichischen Bundesländern
Hausgeräte,Werkzeuge undObjekte der Volkskunst sammelte (der Be-
standdesMuseumsumfasste1895600Exponate,1898bereits11.000und
noch vor demErstenWeltkrieg 25.000).128Zumanderenwaren sie aber
auch, im Unterschied zu den Mythologen und der Much-Schule, zu-
mindest bis 1918, nicht deutschnational orientiert.129 Es ging nicht um
einen nordischenMenschen oder eine germanischeKontinuität, sondern
um eine Art Fortsetzung der liberalen, verschiedene Nationen integrie-
rendenIdeederspätenMonarchie:SogabHaberlandt1927Österreich, sein
LandundVolkundseineKulturheraus,einenPrachtband,dersichinseiner
Anlage am ,Kronprinzenwerk‘ orientierte, aber freilich auf ,Klein-Öster-
reich‘ konzentriert war.Weder die Toten- undVegetationsritenversessen-
heit der Much-Schule noch der Mythosglaube der ,Mythologen‘ waren
seine Sache,130dafür ging es demEthnographen zu sehr umRealien und
weniger umTexte oder nur daraus erschlossenes Brauchtum.
Mit SchülernMichaelHaberlandts, die an derUniversität reüssieren
konnten, saheseher schlechtaus.ZwarzähltenRudolfTrebitschundauch
EugenieGoldstern zu seinenAnhängern, akademisch Fuß fassen konnte
abernurseinSohnArthurHaberlandt,der1911promovierte,bereits1914
127 MichaelHaberlandt:ZumBeginn (1895), S. 1.
128 Vgl. Bockhorn:VonRitualen,MythenundLebenskreisen (1994), S. 502.
129 Vielmehrwarden„deutschnationalenKreisendie ,internationale‘, ja ,slawophile‘
Ausrichtung vonVerein undZeitschrift einigermaßen suspekt“. Bockhorn: Von
Ritualen,MythenundLebenskreisen (1994), S. 504.
130 MichaelHaberlandt hielt „schon1911denGrundgedanken, daßbei derEntste-
hung undAusgestaltung derVolkskunst diemythischeÜberlieferung desVolkes
beteiligtgewesensei, für,vollständigirrig‘“.Bockhorn:VonRitualen,Mythenund
Lebenskreisen (1994), S. 502 (Anm. 282).
IV. LilyWeiser
(1898–1987)220
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Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Title
- Germanistik in Wien
- Subtitle
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Author
- Elisabeth Grabenweger
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Berlin
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 290
- Keywords
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Category
- Lehrbücher