Page - 118 - in Grätz - Ein naturhistorisch-statistisch-topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebung
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genüberliegendcn Stadt, nach der Nrückc m enger zusammen-
gedrängt, als welle er Schutz flicken unter dem Bereiche der
Wurfgeschützc des nahen SäNoßberges. — Noch eines andern
Tl'eils dieser Vorstadt musi ausdrückliche Erwälmung geschehen,
nämlich des Sigmundstadiels (Sigmunds-Stadichens) und der
angräinenden Gassen; sie sind eines der ärmsten Stadtquar-
tiere und auch dasjenige, in dem der größte moralische Schmutz
seinen Sitz liat und nicht selten Scenen sich ereignen, die eben
nicht der Lichtseite des menschlichen Lebens angeboren.
Im Allgemeinen bietet Grätz die höchst interessante Eigen-
heit dar, daß sich hier gleichsam zwei Städte, nur durch den
Fluß geschieden, darstellen, die in der Bauart, Anlage und
auch im geselligen Leben eine durchaus verschiedene Phi'siog-
nomie Zeigen, nnd deren Bevölkerung nicht leicht von einer
Teile des Stroms aus die andere übersiedelt, dalier man zur
Ausnehmt Hausgeräthe selten über eine der drei Brücken wan-
dern sieht.
Es dürfte nun nur noch nöttng sein, einige Worte über
die Staffage hinzuuifügen, wodurch unsere (lassen entweder
regelmäßig oder bloß von Zeit Nl Zeit belebt werden; denn
dadurch erlangt nicht selten das Portrait eines großen Ortes
erst die letzten Lasuren, die höchsten Lichter und jene zartesten
Pinselstriche, welche ihm die größte Aehnlichteit mil dem Ori-
ginale zu geben geeignet sind.
Wie die große Kaiserstadt an der Donau ilne Harfeni»
sten und Bäuderkrämer, ihre Hökerwciber und Fiakers hat,
so besitzt auch Grätz noch immer einzelne, aber nur mehr we-
nige stehende Masken, an deren Auftreten man sogleich er-
kennen würde, daß man sich wieder in Grätz befinde. Die im
Gefolge der Bildung immer weiter schreitende Verftachung hat
auch dieser Stadt schon vieles Eigenthümliche abgestreift, und
manche ihrer besonderen Züge verwischt. Von den allgemein
bekannten Cretins (hier Dosten und Trotteln genannt), die
sonst in ureigentbümlicher Neinbeit des Tupus, mit Ehrenzei-
chen närrisch genng ausgeschmückt oder sonst abenteuerlich cc-
stümirt, mein- lmmpelnd oder taumelnd als gehend, aus den
Straßen dieser Stadt sich berumbewegtcn, sind die meisten
nicht mehr unter den Lebenden; auch jene blinden oder alters-
schwachen Geiger oder Harfenfpicler, die noch vor wenigen
Jahren die ganze Stadt kannte, und deren heisere unharmo-
nische Töne jedes musitalische Ohr schon aus der Ferne auf
das empfindlichste beleidigten, sucht man heut zu Tage verge-
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Grätz
Ein naturhistorisch-statistisch-topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebung
- Title
- Grätz
- Subtitle
- Ein naturhistorisch-statistisch-topographisches Gemählde dieser Stadt und ihrer Umgebung
- Author
- Gustav Schreiner
- Publisher
- Verlag Franz Ferstl'sche Buchhandlung
- Location
- Graz
- Date
- 1843
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 11.55 x 20.25 cm
- Pages
- 638
- Keywords
- Graz, Steiermark, Stadt
- Categories
- Geschichte Chroniken
- Geschichte Vor 1918