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184 Erfahrung.
Tätigkeit. Zur E. gehört nicht bloß Wahrnehmung, Erlebnis, sondern Ver-
knüpfung einer Mannigfaltigkeit von Wahrnehmungsinhalten, Erlebnissen durch
das erkennende Bewußtsein, dessen Formen (s. d.) nicht selbst aus der Erfahrung:
stammen, sondern die objektive E. selbst erst ermöglichen, konstituieren (s..
A priori). Erfahrung im objektiven Sinne ist von subjektiver Erfahrung zu
unterscheiden; erstere ist, besonders als methodische, wissenschaftliche E.,
Erkenntnisinhalt, der auf Grund einer denkenden Verarbeitung, Synthese,
Deutung, Kritik des Wahrnehmungsmaterials in allgemeingültiger Weise er-
worben ist und die Grundlage zu fortschreitender Erkenntnis bildet, die nicht
ohne „Interpolierung", Ausfüllung der Lücken der Erfahrung, Ergänzung der-
selben und Hinausgehen über sie in deren eigenen Richtung, aber nach
logisch-methodischen Prinzipien Denkens, möglich ist (s.
„Reine" E. ist ein bloßes Abstraktionsprodukt, die tatsächliche E. ist schon
von den Formen der Anschauung und des Denkens durchsetzt; E. ist ohne-
Denken ein leeres, unverständliches, isoliert bleibendes Erlebnis, das noch,
keine Erkenntnis gewährt. Die Forderung, von der E. auszugehen, ist
teils berechtigt, aber es darf nicht übersehen werden, daß das Formale,
wir in der Erfahrung finden oder durch diese veranlaßt uns zum Bewußtsein
bringen, vom Intellekt erst in sie hineingelegt wurde und daß die E. durch
Formale schon bedingt ist. Erkenntnis ist Verarbeitung, Synthese des
fahrungsmaterials nach Gesichtspunkten des Intellekts, des
willens, der nach einheitlichem, allgemeingültigem Zusammenhange
Erfahrungsmaterials wie der Erfahrungstatsachen strebt. Gegenüber den
zufälligen, einzelnen, subjektiven „Erfahrungen" der Individuen ent-
scheidet methodisch-kritische Denken erst, was wahrhafte,
meingültige, objektive E. und damit zugleich auch, was wahrhaft
Erfahrungsobjekt, Erfahrungstatsache ist (vgl. Tatsache).
Erfahrung ist nicht fertig gegeben, sondern wird aktiv-methodisch erworben
(vgl. Experiment, Induktion). Mit der E. setzt das Erkennen ein, und in
ihr betätigt es seine ihm eigene, „apriorische Gesetzlichkeit und durch die E..
wird vielfach das denkend Angenommene, Erschlossene, Abgeleitete
Wissenschaftliche Erkenntnis reicht so weit als denkmögliche E. (vgl. Meta-
physik). Die äußere, sinnlich vermittelte E. ist auf die Objekte der
welt, auf das Physische gerichtet; die unmittelbare E. besteht in
psychischen Erlebnissen als solchen, so wie sie sich als
(d. h. eben „innere Erfahrungen") darstellen (s. Wahrnehmung); oder,
es findet eine zweifache Auffassung und Verarbeitung des ursprünglich
heitlichen Erfahrungsganzen statt.
Bezüglich der ihrer Natur und ihrer Bedeutung denken verschieden
der Empirismus (s. d.), Sensualismus (s. d.), Positivismus (s. d.),
(s. d.), Kritizismus (s. d.), Mystizismus (s. d.).
Als Ausgangspunkt und Anlaß der Erkenntnis (s. d.) kommt die E. bei
PLATON, noch mehr bei ARISTOTELES zur Geltung. E. ist Erkenntnis
Einzelnen, Besondern und lehrt uns nur das Was nicht das Warum
der Dinge; doch wird aus ihr das Allgemeine abstrahiert (Metaphys..
I 1, 981 a 15 ff.; Phys. VII, 3). Die E. geht aus der Vereinigung von Er-
innerungen hervor (Met. I 1, 980 b 28). Letzteres lehren auch die Stoiker
xcov welche von der
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften