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Gebärden — Gedächtnis.
Gebärden sind unwillkürliche (triebhafte) oder willkürliche
welche Gefühle, Affekte, Wollungen und Gedanken zum Ausdruck
Vgl. Ausdruck, Mimik, Sprache.
Gebilde, psychische, sind Produkte der Verbindung oder Synthese von
Bewußtseinselementen zu relativ selbständigen Einheiten mit zum Teil neuen
Eigenschaften. Es gibt auch Gebilde des „objektiven Geistes", „Kulturgebilde"
(Recht, Sitte usw.). Vgl. BENEKE, Lehrbuch d. § 19;
Grundr. d. Psychol.5, 1902, S. 109 ff. — Vgl. Synthese.
Gebot s. Imperativ, Sittlichkeit, Norm, Sollen.
(memoria, Erinnerung: reminiscentia,
der Ausdruck für die Fähigkeit der Psyche, durch Eindrücke, die sie einmal
erfahren hat, so modifiziert zu daß sie unter gegebenen Umständen
gleichartige (wenn auch meist abgeschwächte, etwas veränderte, anders sich
präsentierende) Bewußtseinsinhalte zu produzieren vermag (s.
Das G. besteht also darin, daß Erlebnisse nicht spurlos vorübergehen, sondern
daß sie gleichsam „Spuren", Dispositionen (s. d.) hinterlassen, vermöge deren
bestimmte neue Erlebnisse ältere, genauer: den früheren inhaltlich
auszulösen vermögen. Findet eine solche „Reproduktion" in Verbindung
dem Bewußtsein oder Gefühl der Bekanntheit, des schon einmal Erlebthaben
des betreffenden Inhalts statt, so dieser Prozeß eine Erinnerung. Die
reproduzierte Vorstellung heißt Erinnerungsbild. Alle Erinnerung beruht
auf Assoziation (s. d.). Physiologisch ist das G. als eine Art
der Gehirnsubstanz, als molekulare Veränderung derselben, als
potentieller Energien u. dgl. aufzufassen; jedenfalls entspricht der Tendenz zur
Wiederherstellung früherer Eindrücke eine physiologische Erhaltungs- und
Wiederherstellungstendenz, so daß man sogar „Gedächtnis" im weitesten Sinne
als allgemeine Eigenschaft der lebenden organischen Substanz bezeichnen kann
(HERING, Über das Gedächtnis, 1870, 2. A. 1912; PREYER, HAECKEL, MACH,
WALD, HENSEN, FOREL, JAMES U. a.; vgl. unten SEMON). Das G. ist in seiner
Leistungsfähigkeit sehr verschieden an Stärke, Umfang, Treue,
Leichtigkeit, an Merk- und Erinnerungsfähigkeit. Abhängig ist es von
Intensität und Klarheit des Erlebten, vom Interesse, zum Teil vom Merkwillen,
von der Übung, von spezifischer Veranlagung, von Affekten, Depressionen,
Erregungen, Müdigkeit usw. Es gibt ein besonderes Ged. für Konkretes
für Abstraktes, für Namen, Zahlen, für Sichtbares, Hörbares, für Bewegungen
(„visueller", „auditiver", „motorischer" Typus; vgl. OFFNER, Das
1911, S. 210 ff.). Nach manchen gibt es auch ein „affektives" oder
nales" Gedächtnis (Erinnerungsvorstellungen von Gefühlen und vgl.
RIBOT, Psychol. des 1908, S. 166; PAULHAN, Revue philos.,
Zur Prüfung der Leistungsfähigkeit des G. hat man verschiedene
1. Reproduktionsmethoden: oder Memoriermethoden
lernen von Silben, Wörtern, Sätzen); Methode der Treffer (MÜLLER und PILZ-
ECKER), Methode der Hilfen. 2. Vergleichs- oder Wiederholungsmethoden:
der identischen Reihen, der Vexierhilfen, u. a. (vgl. OFFNER, Das Gedächtnis2,
1911, S. 38 ff.; vgl. die Literatur unten). EBBINGHAUS erklärt: „Die Quotienten
aus Behaltenem und Vergessenem verhalten sich etwa umgekehrt wie
Logarithmen der verstrichenen Zeit" (Über d. Gedächtnis, 1885).
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften