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Geisteswissenschaften.
Menschheit zu gewinnen (ibid.). Vgl. HEGEL, Phänomenologie des
1807, 1907; J. HILLEBRAND, Die Philos. des Geistes, 1835; G. BIEDERMANN,
Philos. des Geistes, 1886; DILTHEY, Einleitung in die Geisteswissenschaften
1883; ferner die Zeitschrift „Logos", 1910 f. — Vgl. Kultur, Geist, Soziologie.
Geisteswissenschaften sind jene Disziplinen, die es mit
nissen geistiger Prozesse zu tun haben. Wenn sie auch die Naturbedingtheit
dieser Gebilde (Recht, Sitte, Kunst, Sprache, Religion usw.) berücksichtigen
müssen, nehmen sie doch wesentlich den Standpunkt der unmittelbaren
trachtungsweise der Wirklichkeit ein, für welche es nur Qualitäten, Werte und
Zwecke geistiger Art gibt. Die Geisteswissenschaften verfahren
analytisch, erklärend, genetisch, sie gehen davon aus, daß es innerhalb
Geistigen eine besondere Art der Kausalität (s. d.), des Zusammenhanges
zu dem aber auch teleologische Faktoren (s. Zweck) beitragen. Die Auffindung
von Zielstrebigkeiten und Zwecksetzungen, von teleologischen Notwendigkeiten ist
denn auch von größter Wichtigkeit für das Verständnis geistiger Produktion.
Dazu kommt dann noch zum Teil die Anwendung des kritischen sowie
wertenden und normativen (s. d.) Verfahrens. Auch die Geisteswissenschaften
gehen von gewissen „apriorischen" Voraussetzungen aus, auch sie bedienen sich
gewisser „Kategorien" (s. d.), mittelst deren sie Ordnung und
in ihre Gebiete bringen. Grundbedingung ist hierbei die Fähigkeit der
ständnisvollen Deutung der geistigen Prozesse. — Nach DILTHEY sind die
„das Ganze der Wissenschaften, welche die geschichtlich-gesellschaftliche Wirk-
lichkeit zu ihrem haben" (Einleit. in die Geisteswissenschaften,
1883, I, 5); ihre Aufgabe ist es, die Manifestationen dieser Wirklichkeit „nach-
zuerleben und denkend zu erfassen" (Kultur d. Gegenwart, 1907, S. 2 f.;
vgl. Studien zur Grundlegung der Geisteswiss., Sitzungsberichte der Preuß.
Akad. der Wissensch., Das natürliche System der Geisteswiss. im
Jahrhund., Archiv f. d. Philos. Über das Wesen der
wiss., Sitzungsber., 1909). Ähnlich FRISCHEISEN-KÖHLER (Archiv f.
Phüos. Nach WUNDT besteht der Inhalt der G. „in den
unmittelbaren menschlichen Erlebnissen hervorgehenden und ihren
Wirkungen" (Grundr. d. Psychol.6, 1902, S. 19 f.). Sie handeln teils von
geistigen Vorgängen, teils von geistigen Erzeugnissen (System d. Philos.
1908, 19 Sie haben zum Inhalt die „unmittelbare Erfahrung, wie sie
die Wechselwirkung der Objekte mit erkennenden und handelnden Subjekten
bestimmt wird", und bedienen sich nicht der Abstraktionen und der
tischen Hilfsbegriffe der Naturwissenschaften (Grundr. d. Psychol.5, 1902, S.
vgl. Logik III8, ff., S. 1 ff.). MÜNSTERBERG unterscheidet die
tivierenden" G., welche es mit dem wertenden, stellungnehmenden Subjekt und
dessen Akten und Beziehungen zu tun haben, von den
wissenschaften, zu welchen auch die Psychologie (s. d.) gehört; nicht Erklärung,
sondern Deutung und Wertbeurteilung sind die Methoden der (Grdz.
Psychol., 1900, I, 57 ff.). Die Unterscheidung von Geistes- und
schaften ersetzen WINDELBAND und RICKERT durch die in Geschichts- und
Gesetzeswissenschaften (s. Geschichte, nach letzterem sind
G. wesentlich „Kulturwissenschaften" (Die Grenzen der naturwissenschaftl. Be-
griffsbildung, 1896 ff., S. 147 ff., 175 ff., 589 ff.). Vgl. M. ADLER,
u. Teleologie, 1904 (für den Vorrang der kausalen gegenüber der
Methode). Vgl. Kultur, Geschichte, Wert, Zweck, Psychologie.
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften