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Gewißheit — Gewohnheit.
1903, I; ROYCE, Philos. of Loyalty, 1908, S. 177 ff.; STÄUDLIN, Geschichte d.
Lehre vom G., 1824; FRIEDMANN, Die Lehre vom G. in den Systemen des
ethischen Idealismus, 1904. — Vgl. Sittlichkeit (Abaelard u. a.), Sollen, Impe-
rativ, Synteresis, Moralischer Sinn.
Gewißheit (certitudo) ist die Festigkeit, Sicherheit, Überzeugtheit,
mit der Urteile gefällt werden, die theoretische Determiniertheit des Denk-
willens, die sich in der Bestimmtheit, Festigkeit des Gedachten bekundet.
ist, was wir nicht bezweifeln oder negieren können, was „feststeht",
worüber wir nicht schwankend sind, was im Wechsel der Urteilsakte immer
wieder behauptet wird, werden kann oder werden muß. Während die rein
subjektive G. eine bloß gefühlsmäßige Unterlage hat oder doch nur auf
Motiven des Fürwahrhaltens beruht, ist die G. die
Bestimmtheit des allgemein Urteilsnotwendigen, des für jeden Wahrnehmenden
und Denkenden Die unmittelbare G. beruht auf Anschauung
oder Erinnerung (Anschauungs- und Erinnerungsgewißheit), die mittelbare ist
durch Begriffe, Urteile und Schlüsse, Beweise vermittelt. Die G. der Erkennt-
nis wurzelt in der denkenden Verarbeitung des Erfahrungsmaterials, wobei die
»obersten Voraussetzungen des Erkennens, die Axiome (s. d.), unmittelbar,
a priori gewiß sind (vgl. Evidenz). Unmittelbarste G. hat das Bewußtsein
(s. d.) selbst und der Bewußtseinsinhalt als solcher, den auch der extremste
Skeptizismus (s. d.) nicht bezweifeln kann. Vgl. LOCKE, Essay concern. hum.
unsterstand. IV, K. 6, § 3); LEIBNIZ, NOUV. Essais, IV, K. 6, § 3; KANT,
Logik, S. 98, f.; HAGEMANN, Logik u. 1873, S. 8. A.
1909; WUNDT, Logik, I3, 1906; B. ERDMANN, Logik, 1892, I, 272 f.: VOLKELT,
Die Quellen der menschL Gewißheit, 1906; Zeitschrift f. Philos., Bd. 118, 1901
WINDELBAND, Präludien8, 1907, S. 323; Über die
G. der Erkenntnis, 1873; E. DÜRR, Über die Grenzen der G., 1903; MEINONG,
Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens, 1906; MILHAUD, Essai sur
les conditions et les limites de la certitude 1898; D. MERCIER
1899. Vgl. Wissen, Glaube, Wahrscheinlichkeit, Hypothese,
Zweifel.
Gewohnheit (habitus, consuetudo) ist die durch „Gewöhnung", d. h.
Anpassung an eine Funktion entstandene Disposition, welche das wiederholt
Ausgeübte immer leichter, sicherer, zweckmäßiger, automatischer sich voll-
ziehen läßt. Durch die Gewöhnung entstehen psycho-physische „Bereitschaften",
Tendenzen, erfolgt eine „Mechanisierung" (s. d.) ursprünglicher Willenshand-
lungen, die nun auf den geringsten Impuls hin, ohne Überlegung, ohne Be-
wußtheit, ohne Schwanken und Tasten glatt, triebartig, unwillkürlich erfolgen,
wodurch Energie erspart wird. Die G. bewirkt auch eine Abstumpfung der
Gefühle, insbesondere der Unlust; anderseits kann sie auf Leidenschaften (s. d.)
verstärkend einwirken, wie sie überhaupt ein Streben nach Ausübung des Ge-
wohnten, nach gleichmäßiger Funktion einschließt. Die G. ist von Bedeutung
für die Pädagogik (Lernen, Fertigkeiten, Zucht), Ethik, Soziologie (s. Sitte).
Die Bedeutung der G. die Entstehung des Begriffs der Kausalität
d.) betont HUME; die Gewohnheit, zwei Ereignisse aufeinander regel-
mäßig folgen zu sehen, läßt bei dem Auftreten des einen auch die
Wiederkehr des andern erwarten, und diese subjektive, psychologische
Notwendigkeit deuten wir als objektive Notwendigkeit ursächlicher
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften