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262 Gott.
ist, das als Einheit in den Dingen wirkt, als Vernunftkraft,
Vorsehung und Schicksal (Diog. Laert. VII, 139, 147 f.; Stobaeus, I,
30, CICERO, De natura I, SENECA, Quaest. natural. I). — Die
Epikureer halten die Götter für ätherische Wesen, die aus den feinsten
Atomen bestehen und in den „Intermundien" selig leben, ohne sich um die
Schicksale der Sterblichen zu kümmern (Diog. Laert. X, 123). — Die Neu-
platoniker rücken die Gottheit hoch über alles Sein hinaus, lassen aber die
aus ihr hervorgehen (vgl. Emanation). Nach PLOTIN ist G. das über-
seiende, übergeistige „Eine" (s. d.), das unverändert bleibt, während die
aus seiner Überfülle ausfließt (Enneaden III, V, VI). Ähnlich JAMBLICH,
PROKLUS U. a. Auch die (s. d.) lehren die weltlich-
keit Gottes. Ebenso PHILON der Jude, der den jüdischen Monotheismus
philosophisch zurechtlegt. G. ist einzige, einfache, allseiende, allwissende, noch
über das Gute erhabene Einheit (Leg. allegor. II, 1; De opif. I, 2;
vgl. Logos).
Das christliche Mittelalter denkt mit wenigen pantheistischen Ausnahmen
VON BENE, DAVID VON U. a.) theistisch (oder auch zum
Teil panentheistisch). Die „häretischen" (s. d.) unterscheiden vom
Demiurgen den höchsten Gott, den überseienden „Urvater" (ngondxcog: VA-
LENTINUS). Nach AUGUSTINUS ist der (dreieinige) Gott das höchst reale
Wesen („ens realissimum"), das höchste Wesen („summa essentia"), das höchste
Gut die Wahrheit, Schönheit an sich (De trinitate VIII,
3 f.; De vera religione, 21; De civitate Dei XI, 21 ff.). Während DIONYSIUS
AREOPAGITA („Pseudo-Dionys") und JOHANNES SCOTUS ERIUGENA den
christlichen Gottesbegriff mit neuplatonischen verbinden, wobei
nach dem Zweitgenannten Gott einerseits über das Sein erhaben ist, als Ur-
grund der in ihm beschlossenen Dinge, anderseits in ihnen sich manifestiert
(De divisione naturae vgl. Theophanie), bestimmen die Scholastiker
das Wesen Gottes unter aristotelischem Einfluß im strenger theistischen Sinne.
Nach ANSELM VON CANTERBURY ist Gott das allerrealste Sein, das absolute
Gute, das denkbar Höchste („id quo cogitari nequit", Monolog. 1 ff.;
vgl. Ontologisch). Nach THOMAS VON AQUINO ist G. die oberste Ursache und
zugleich das Endziel von allem, von nichts abhängig (vgl. reine,
stofflose Wirklichkeit („actus purus"), unendlich, zeitlos, unveränderlich, in
allem wirksam, vernünftig, gütig (Sum. theol. I; Contr. gent. Nach
DUNS SCOTUS ist G. absolute Macht und absoluter Wille, eine „freie Ursache"
(Opera, 1891—95). — Von den kommt besonders Meister
HART in Betracht. Nach ihm hat G. Persönlichkeit erst durch den (zeitlosen)
Akt der Schöpfung, vor der nur die über alle Gegensätze erhabene „Gottheit",
die „ungenaturte Natur", das sich selber noch unbekannte „Nichts" besteht.
Gott ist in allen Dingen wirksam, er wird sich seiner erst in der „genaturten
Natur" (als dreieiniger Gott) bewußt; er „gebiert" sich in den Seelen und
liebt sich in allem selbst (Mystische Schriften, hrsg. von H. Büttner, 1903 f.;
Schriften u. Predigten, 1902 f.). In anderer Weise bringt dann NICOLAUS
CUSANUS einen pantheistischen Zug in die christliche Gottesauffassung. G. ist
absolute (dreieinige) Einheit, die „Koinzidenz" aller Gegensätze („coincidentia
über alle Prädikate erhaben, überseiend, zugleich Zentrum und
Peripherie der Maximum und Minimum, allumfassend sunt in
eo") und allem als Wesen einwohnend („essentia essentiarum"; De
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften