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Ich-Form voraussetzt. Das „reine" Ich ist das (erkenntnistheoretisch, nicht
metaphysisch) Überindividuelle im Individuum, „es" unterscheidet „sich" (psycho-
logisch wie logisch) vom „Nicht-Ich", besteht geradezu in diesem
einheitlich-stetigen Akte des Unterscheidens (Setzens und Gegensetzens) selbst.
Das empirische, psychologische Ich ist schon ein Setzungs- und
produkt des Bewußtseins. Das Ich-Bewußtsein tritt (zunächst rein gefühlsmäßig)
als Korrelat des Objektsbewußtseins, gleichzeitig mit diesem auf, wird aber erst
allmählich zum eigentlichen Selbstbewußtsein (s. d.) und zum Wissen vom Ich
als solchen. Als Form des Bewußtseins überhaupt, als Ausdruck seiner
beziehung auf sich selbst ist das Ich mehr als bloße „Erscheinung" (s.
denn es ist die Voraussetzung, Urbedingung aller Erscheinung, das Erscheinung
Produzierende. Doch wird das Ich niemals seiner Totalität nach erkannt, es
übersteigt stets den jeweüigen Inhalt des Selbstbewußtseins, wird nie restlos
zum Gegenstand der Erkenntnis, auch ist es empirisch nur in seiner Beschränkt-
heit durch Anderes gegeben, also nur so, wie die Ichheit sich vom Endlich-
keitsstandpunkt darstellt. Störungen, seelische Krankheiten („Spaltungen",
„Doppel-Ich", s. d., u. a.) betreffen stets nur den psychologischen Ich-Zu-
sammenhang, Ich-Inhalt, nicht die reine Ichform (vgl. Person). Das Ich ist,
als erlebende, wollende Einheit, als Zentrum des Erlebens, als einheitlicher
Funktions- und Dispositionszusammenhang, als aktives Bewußtsein
etwas, was vom objektiven Vorstellungsinhalt scharf unterschieden ist; so kann
denn auch das Ich niemals als solches Vorstellungsinhalt eines Er-
kennenden werden, sondern ist ebenso real und selbständig wie das Ich dieses
Erkennenden, der das fremde Ich nicht direkt wahrnimmt, sondern es auf
Grund der Wahrnehmung eines menschlichen Organismus setzt und als sich
selbst analog deutet, wobei eben das fremde Ich, das fremde aktive Bewußtsein
als etwas dem eigenen Ich an Existenzweise Ebenbürtiges,
Gleichwertiges gesetzt und anerkannt wird, seinem Sinne nach so
gesetzt werden muß, mag es auch mit diesem zusammen zum Inhalt des
theoretischen, abstrakten „Bewußtsein überhaupt" (s. d.) (vgl. Trans-
zendent).
Vielfach wird das Ich als immaterieller Träger des Seelischen, als das
denkende und wollende Wesen bestimmt (vgl. Seele, Subjekt). So besonders
von DESCARTES (S. Cogito, ergo sum), nach welchem das Ich ein „denkendes
Wesen" (res cogitans), rein geistig ist (s. Seele); zum Ich gehört nicht der
Leib, sondern nur das Bewußtsein („videmus . . ., ad naturam nostram per-
tinere . . cogitationem Princ. philos. I, 7). Die Existenz des Ich
das Gewisseste, was es gibt (Meditat. Ein geistiges Wesen ist das
Ich auch nach LOCKE (Essay concern. hum. understand. II, K. 25—27), welcher
aber auch die Stetigkeit und Identität des Bewußtseins als das Ich konsti-
tuierend ansieht (1. c. § 25, § 16 f., 25), LEIBNIZ (NOUV. Essais II, K. 27, § 19),
BERKELEY (Principles, CHR. WOLFF, BONNET U. ferner
FROY, TEICHMÜLLER, LOTZE, GUTBERLET, Der Kampf um die Seele, 1898,
S. 105), H. J. GEYSER, L. W. STERN (Person u. Sache,
1906, I, 205 f.) u. a. Vgl. FLÜGEL, Das u. die Ideen5, 1912.
Ein „Modus" (s. d.) der einen „Substanz" (s. d.) ist das Ich nach
SPINOZA (vgl. Selbstbewußtsein), also nicht selbst eine Substanz. Nach HUME
ist das Ich ebenfalls nichts Substantielles; es ist nur ein „Bündel" or
collection") verschiedener Perzeptionen, die einander mit unbegreiflicher Schnellig-
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften