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Idee. 293
Idee (idia, eldog; eigentlich Gestalt, Bild, Form, Typus) bedeutet: 1. dem
populären Sprachgebrauch nach soviel wie Vorstellung, Gedanke, auch neuer,
origineller Gedanke, Einfall; 2. das im Geiste erfaßte, dem Denken, der Phantasie,
dem Handeln vorschwebende Musterbild, welches die Tätigkeit leitet, dem Schaffen
die Richtung gibt; das einheitliche Ganze, welches der Geist als das Wesen eines
Dinges konstituierend erfaßt, den „Typus", den „Sinn". Ideen sind höchste
Zielpunkte des theoretischen oder praktischen Willens, Konzeptionen höchster,
abschließender, mustergültiger, normgebender Einheit eines Gebietes. Die Ideen
existieren und wirken psychisch nur als Willensziele, zu deren Erreichung
mehr oder weniger bewußte Tendenzen in den Wesen bestehen. Im ganzen
läßt sich die als zeitliche Entfaltung dessen', was zeitlos in
der jedes Dinges beschlossen liegt, betrachten. In der Geschichte (s. d.)
werden Ideen immer bewußter zu Zielpunkten menschlicher Entwicklung. In-
dem der Wille zu einheitlichem Zusammenhange das Denken und Erkennen,
das Schauen und Gestalten, das sittliche und soziale Wollen und Handeln
reguliert, kommen hier überall Ideen als oberste Gesichts- und
punkte zur Geltung; sie fungieren auch als Normen der Beurteilung und Be-
wertung, der Bestimmung des
Den Ausdruck „Idee" anbelangend, bedeutet er ursprünglich (bei Platon,
s. unten) etwas an sich Seiendes, ein Urbild von Dingen, dann (bei den
Stoikern) einen subjektiven Gedanken, weiter ein Urbüd im göttlichen Geiste.
Von DESCARTES an bedeutet einen Inhalt des Bewußtseins („quod
mediate percipitur", Respons. III, 15), einen Gedanken oder Begriff (SPINOZA:
„per ideam intelligo conceptum", Eth. II, def. III; CHR. WOLFF: Ideen
sind Vorstellungen einer Sache, sofern sie objektiv betrachtet wird, Psychol.
rationalis, § 86, u. a.), eine Vorstellung (LOCKE, Essay I, K. 1, § 8) oder Er-
innerungsvorstellung (BERKELEY, Principles I, HUME, Treatise I,
sct. 1; CONDILLAC u. a.), einen Gedanken in der neueren englischen und fran-
zösischen Philosophie („idea", Daneben aber erhält sich auch, z. Teil
modifiziert, der ursprüngliche Sinn der „Idee", die ferner auch noch eine
normative, praktische und ästhetische Bedeutung (als Musterbild geistiger
Tätigkeit) erhält.
Der Begründer der Ideen-Lehre ist PLATON. Ursprünglich faßt er die
Ideen logisch auf, als ideale Denkeinheiten, als Zielpunkte des Denkens, als
durch den geistigen Blick, durch „Zusammenschauen" erfaßte Typen, welche
das Allgemeine, Gattungsmäßige je einer Klasse von Dingen enthalten und
nach welchen die einzelnen Dinge beurteilt und gewertet werden. Später wer-
den diese den Einzeldingen logisch vorangestellten Typen zu selbständigen
Wesenheiten, welche nicht mehr bloß gelten, sondern sind und die schließlich
sogar zu Kräften, ja zu „Göttern" werden — Die eldog)
ist der objektive Inhalt des Gattungsbegriffs, an dem die Einzeldinge teilhaben
Parmenides, 132 D) und der in ihnen sich darstellt (nagovola, Phaedo,
100 D). Die Ideen sind sinnlich nicht wahrnehmbar, nur geistig erfaßbar
Timäus, 52 A). Sie sind die ewigen, und zeitlosen, unver-
änderlichen, einfachen, „getrennt" von den sinnlichen Erscheinungen,
gleichsam an einem „überhimmlischen" Orte befindlichen, an und für sich seien-
den Ur- und der Dinge; die letzteren sind nur
schattenhafte Abbilder Nachbilder Erscheinungen der
Ideen, deren es so viele gibt, als Arten von Dingen oder Eigenschaften exi-
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften