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300 Identitätstheorie.
nach seinem Gehalt bedeutet, die Setzung des Gedachten als mit sich selbst
identisch, als unabhängig von dem daß wir es denken; vgl.
DRIESCH, Ordnungslehre, 1912.) VgL Denkgesetze, Widerspruch (Satz des).
(bzw. Identitätsphilosophie) ist zunächst jene
Form des Monismus (s. d.), nach welcher Geistiges und Körperliches, Psychi-
sches und Physisches, Objektives und Subjektives nicht zwei voneinander ver-
schiedene und nur irgendwie miteinander verbundene Wesen oder Seinsweisen,
sondern nur zwei Daseinsweisen, Seiten, Erscheinungen oder Betrachtungsweisen
eines „Identischen", d. h. eines und desselben, auf zweierlei Weise sich dar-
stellenden, manifestierenden Wesens sind, welches an sich selbst betrachtet
weder psychisch noch physisch oder über den Gegensatz von Geist und Körper,
Subjekt und Objekt erhaben oder aber beides zugleich ist. Während die
realistische Form der Identitätslehre Geistiges und Körperliches als gleich
wirkliche Attribute, Daseinsweisen derselben Substanz betrachtet, nach
der idealistischen I. die geistige, psychische Seite als die unmittelbarste, vom
sinnlich bedingten Erkennen unabhängige das Fürsich- oder Eigensein des Wirk-
lichen, während das Physische, Körperliche dessen objektive Erscheinungsweise
bildet. Was für als Inhalt der innern, unmittelbaren Erfahrung psychisch
(Bewußtsein, Seele, Geist) ist, das erscheint der sinnlichen Wahrnehmung, der
weise der äußeren Erfahrung als räumlich ausgedehnte, körperliche
Substanz mit materiellen Eigenschaften, wobei die subjektive, psychische Seite
des Wirklichen in der objektiven, physischen zum „Ausdruck" kommt; beide
Reihen des Daseins und Geschehens „entsprechen" einander — obzwar sie
folge der verschiedenen Betrachtungsweise verschieden sind — weil ihnen ein
einheitliches Wirkliches (etwa ein Organismus) zugründeliegt, dessen Reaktionen
und Aktionen sich sowohl als Ablauf psychischer Funktionen wie auch als
Spiel von Bewegungen und Energien auffassen lassen. Der einheitliche Zu-
sammenhang des organischen Lebens entspricht dem ebenfalls einheitlichen
Zusammenhange des in jenem sich äußernden psychischen Lebens (vgl. Seele,
Einheit, Psychisch, Parallelismus). Beschaffenheit nach sind Geistiges
und Körperliches nicht identisch (Dualismus der Erscheinung, der Betrachtungs-
aber ein Identisches (des „Wesens", sowie der Entwicklung, Differen-
zierung, Integrierung, Koordination, Regulation, Anpassung, Übung, Vererbung
u. a. Prozesse) gibt sich in ihnen kund.
„Identitätslehre" heißt auch die Ansicht, daß Denken und Sein identisch
sind, daß das Sein (s. d.) selbst ein Denken oder objektiver Gedanke, „Idee"
(s. d.) ist. Diese Lehre wird zuerst von PARMENIDES aufgestellt, nach welchem
Denken und Sein in dem Sinne identisch sind, daß das Denken das Seiende
zum Inhalt hat und das Seiende selbst ein denkendes Seiendes ist (xb ydg
voeXv xal — voeXv xe xal ovvexev ydg
dvev xov kv xb voeXv. cpvoecog, hrsg.
von 1897). — Nach SPINOZA (S. unten) ist die Ordnung des Gedachten
eins mit der Ordnung des Seienden, denn Denken und Sein sind nur zwei
Attribute der einen, göttlichen „Substanz" („Ordo et connexio idearum idem
est ac ordo et connexio Eth. II, prop. VII). Die Identität von
Denken und Sein (s. d.) macht HEGEL zum Kern seines Systems (s. Dialektik).
Hingegen ist nach SCHLEIERMACHER nur die Form des Denkens identisch mit
der des Seins (vgl. Dialektik, S. 75) und nach TRENDELENBURG haben
Denken und Sein die „Bewegung" (s. d.) als Identisches.
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften