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356 Kritizismus.
Kritizismus („criticism" bedeutete im Englischen früher auch die Ästhe-
tik): Standpunkt der philosophischen Kritik, Methode der erkenntniskritischen
Grundlegung der Philosophie, der Besinnung auf die Voraussetzungen, Prin-
zipien, Ziele und Grenzen der Erkenntnis, im Gegensatz zum Dogmatismus
(s. d.), welcher ohne Prüfung der Erkenntnisbedingungen und
Metaphysik treibt. Als Richtung der Erkenntnistheorie (s. d.) geht der K. auf
die apriorischen Grundlagen, Voraussetzungen, Bedingungen der Erfahrung
und Erkenntnis zurück (s. A priori, Einheit, Transzendental). Er fragt
wie Erkenntnis psychologisch entsteht, sondern wodurch sie bedingt und be-
gründet wird, worauf sie sich stützt, durch welche „transzendentalen" (s. d.)
Formen und Geltungen sie logisch konstituiert wird.
Im engeren Sinne ist der (bei PLATON, LEIBNIZ, LOCKE, HUME U. a. zum
Teil schon angebahnte) K. die erkenntnistheoretische Methode und Betrach-
tungsweise, wie sie besonders KANT, den Hume aus dem „dogmatischen
Schlummer" erweckt (Prolegomena, EinL), begründet hat (s. Erkenntnistheorie).
Auf das Stadium des Dogmatismus und des Skeptizismus (s. d.) folgt die
„Kritik der reinen Vernunft" (s. Erkenntnistheorie), welche „die Vernunft
selbst, nach ihrem ganzen Vermögen und Tauglichkeit zu reinen Erkenntnissen
a priori" prüft. Die Frage: wie ist reine, von der Erfahrung
„apriorische" (s. d.) Erkenntnis „möglich", wie lassen sich „synthetische
Urteile a priori" aufstellen, die doch von den Gegenständen der Erfahrung
gelten und auf sie anwendbar sind, wie können apriorische Erkenntniselemente
(Raum, Zeit, Kategorien), für die Erfahrung gelten, ist zu beantworten. Nimmt
man an, daß sich nicht unsere Erkenntnis nach den Gegenständen richtet,
sondern daß umgekehrt die Gegenstände sich nach den Formen
unserer Erkenntnis richten, so wird es begreiflich, wie apriorische Er-
kenntnis von dem Formalen der Objekte der Erfahrung möglich ist (Kants
Standpunkt"). Erfahrung ist nämlich selbst eine Erkenht-
nisart, die Verstand erfordert, „dessen Regel ich in mir, noch ehe mir Gegen-
stände gegeben werden, mithin a priori voraussetzen muß, welche in Begriffen
a priori ausgedrückt wird, nach denen sich also alle Gegenstände der Er-
fahrung notwendig richten und mit ihnen übereinstimmen müssen" (Krit. d.
rein. Vern., zur 2. Auflage). Wir erkennen eben nur das a priori, was
wir in die Dinge selbst legen, d. h. die Art und Weise, wie sie nach der Ge-
setzlichkeit des Anschauens und Denkens sich uns notwendig darstellen. Daß
apriorische Erkenntnis besteht, bezweifelt KANT nicht, aber er will feststellen,
wie sie möglich ist, und will damit zugleich eine „Theorie der Erfahrung"
geben. Die Ist Metaphysik (s. d.) und wie ist sie möglich, wird gleich-
falls beantwortet. Überall handelt es sich darum, „zu gegebenen Wissen-
schaften die Quellen in der Vernunft selbst zu suchen, um dadurch
deren etwas a priori zu vermittelst der Tat
selbst zu erforschen und auszumessen" (Prolegomena, § 5). Insbesondere
wird untersucht, wie „reine „Mathematik" (s. d.) und „reine Naturwissen-
schaft" (s. d.) möglich worauf sie sich was sie recht-
fertigt, legimitiert, ihren Erkenntniswert begründet. Alle diese Fragen be-
antwortet KANT durch seinen Idealismus, nach welchem die
Gegenstände, auf die sich unsere apriorischen Urteile beziehen, nicht „Dinge
an sich", sondern „Erscheinungen", d. h. Inhalte allgemeingültiger Erfahrung
sind, deren „Formen" zugleich Formen des erkennenden Bewußtseins
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften